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Bobby Brederlow -  seine Lebensgeschichte Home  |  Suchen
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 1.10.2002, München, S. 41

Bobby der Bestimmer
Durch seine TV-Rollen wurde der behinderte Bobby Brederlow zum Star - nun erscheint seine Lebensgeschichte
Von Stephan Handel

Down? Bobby ist doch nicht down. Bobby Brederlow ist ein Aufziehmännchen, ein Energiebündel, ein Sonnenschein - ein Superstar. Der Bestimmer, sowieso. Und ein Lebensretter jetzt auch noch. Wenn Gerd Brederlow, Bobbys Bruder, davon erzählt, dann ist in seiner Stimme ein bisschen Be- und ein bisschen Verwunderung: dass er Bobby sein Leben zu verdanken hat.
Die Geschichte von der Lebensrettung hat Gerd Brederlow jetzt aufgeschrieben - neben vielen anderen: "Bobby, Herr Bredi und Mister Herr Bendel" heißt das Buch, in dem er beschreibt, wie das Leben so geht, wenn ein schwules Bohemien-Paar sich entschließt, den behinderten Bruder aufzunehmen, weil die Eltern gestorben sind. Wie sich die drei aneinander gewöhnen müssen, wie die Gesunden von dem Behinderten lernen, wie der ihren Alltag aufmischt. Bis er schließlich auf einer großen Bühne steht und ein Reh in Goldlack entgegennimmt - Bobby, der Schauspieler, Bobby der Bambi-Preisträger. "Es waren sehr facettenreiche 14 Jahre", sagt Gerd Brederlow, den Bobby "Herr Bredi" nennt. Vor 14 Jahren ist Bobby "nach München hineingezogen", wie er sagt. Die Mutter war gestorben zuhause im Pfälzischen, es gab einen äußerst unangenehmen Sorgerechts-Streit mit dem dritten Bruder, doch endlich kam Bobby - und brachte das Leben von Gerd Brederlow und seinem Lebensgefährten Udo Bandel kräftig durcheinander. Indem er Ordnung hinein brachte.
"Wir waren", schreibt Gerd Brederlow, "bevor mein Bruder zu uns kam, keine Familie. Unser Leben war unberechenbar, ohne feste Zeiten und Regeln." Und das ist nun etwas, womit Down-Syndrom-Menschen überhaupt nichts anfangen können: Bobby besteht auf festen Essenszeiten, jeder Gegenstand in der Wohnung hat seinen festen Platz. Das Tisch-Set mit dem Frühstücksgeschirr muss jeden Abend bereitgestellt werden. Große Umstellung also für beide Seiten: Ordnung, Struktur, Regelmäßigkeit für die einen. Und für den anderen die Entdeckung der, na ja, Anarchie. Wenn Gerd Brederlow diese Geschichten erzählt, dann wird's richtig lustig in dem Buch.

Die Sache mit dem Telefon

Ins Krankenhaus musste Bobby wegen eines kleinen Eingriffs, ein paar Tage nur. Jedoch: Der Fernseher war kaputt, Langeweile drohte und das Versäumnis einiger unbedingt eingeplanter Serien-Folgen. Erst nach dem Wochenende komme der Kundendienst, sagte die Stationsschwester. Es gebe auch einen Sofortdienst, aber der sei teuer. Bobby wird vertröstet. Später bekommt Gerd zuhause jede Menge Anrufe von Freunden aus der ganzen Welt, die erstaunlich gut informiert sind über Bobbys Krankenhaus-Aufenthalt. In der Klinik: ständig belegt. Als Gerd seinen Bruder endlich an die Strippe bekommt, kommt's heraus: Langweilig war ihm ohne Fernseher, also hat er sein Notizbuch genommen und jeden angerufen, der drinnen stand. Und den Fernseh-Notdienst hat er, teuer hin, teuer her, auch gleich bestellt. Und Kuchen für alle auf der Station. Dass Gerd ihm später das Notizbuch heimlich wegnimmt, macht die Sache nicht billiger: Jetzt holt sich Bobby die Nummern von der Auskunft.
"Bobby ist sehr von sich überzeugt", sagt Gerd Brederlow. "Er ist der Bestimmer." Das Buch, das nächste Woche erscheint, das ist natürlich sein, Bobbys Buch: Schließlich ist sein Foto vorne drauf. Er lässt sich nichts vormachen, nichts befehlen, er besitzt eine absolute - und manchmal nicht sehr höfliche - Liebe zur Wahrheit. Er duzt jeden, weil er keine Autorität anerkennt. Er hat keine Angst vor großen Namen: Als er seine Filme drehte, mit Senta Berger, mit Friedrich von Thun, mit Veronica Ferres, da waren ihm die Kollegen ja schon aus dem Fernsehen bekannt. Und so nahm er sie dann auch: als alte Freunde, die er jetzt halt leibhaftig trifft, nicht nur auf dem Bildschirm.

Vollwertig, mit Handycap

Natürlich hat Gerd Brederlow auch ein Anliegen mit seinem Bruder: Indem er ihn fördert, ihn Sachen tun lässt, die ihm zunächst keiner zutraut, bringt er Bobbys Entwicklung voran. Und zeigt gleichzeitig, wozu Behinderte fähig sind. "Bobby ist ein vollwertiger Mensch", sagt Gerd. "Mit einem Handycap."
Als vollwertige Menschen gehen sie miteinander um - und dazu gehört auch ein rauer Ton, den sich wohl nur erlauben kann, wer selbst dazugehört zur diskriminierten Randgruppe. Im Buch zitiert Gerd den Satz, durch den Bobby an seine erste Filmrolle kam: "Brederlow, du alte Vorzeigeschwuchtel", hatte ein befreundeter Regisseur gesagt "ich hab' da ein Drehbuch gekriegt, und ich glaube, das wär' was fürs Mongo-Baby." So reden sie in ihrem Kreis, und wenn Gerd sich über Bobbys nie endendes Geplapper beschwert mit dem Hinweis, er brauche seine Ruhe, dann sagt Bobby hart, aber gar nicht herzlos: "Geh halt ins Seniorenheim."
Die Ruhe braucht Gerd, weil er vor zwei Jahren einen Schlaganfall hatte. Und das ist die Geschichte, wie Bobby ihm das Leben gerettet hat: Ist sofort zu Udo ins Geschäft rüber gerannt, so dass der Notarzt schon nach Minuten da war. Durfte danach im Krankenwagen mitfahren und die Infusionsflasche in die Höhe halten. Wie das geht, das kannte er ja aus den Klinik-Serien, die er so gerne ansieht im Fernsehen. Und weil er sich irgendwie in einer solchen wähnte, war er danach sehr stolz und sehr glücklich. Überhaupt nicht down.

Das Buch "Bobby, Herr Bredi und Mister Herr Bendel" erscheint am 2. Oktober bei Piper. Heute Abend um 20 Uhr wird es im Literaturhaus vorgestellt: Amelie Fried im Gespräch mit Bobby und Gerd Brederlow, Udo Bandel und der Schauspielerin Michaela May.
 
 
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letzte Aktualisierung: 19.10.2002