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Bobby der Bestimmer
Durch seine TV-Rollen wurde der behinderte Bobby
Brederlow zum Star - nun erscheint seine Lebensgeschichte
Von Stephan Handel
Down? Bobby ist doch nicht down. Bobby Brederlow
ist ein Aufziehmännchen, ein Energiebündel, ein Sonnenschein
- ein Superstar. Der Bestimmer, sowieso. Und ein Lebensretter jetzt auch
noch. Wenn Gerd Brederlow, Bobbys Bruder, davon erzählt, dann ist
in seiner Stimme ein bisschen Be- und ein bisschen Verwunderung: dass er
Bobby sein Leben zu verdanken hat.
Die Geschichte von der Lebensrettung hat Gerd Brederlow
jetzt aufgeschrieben - neben vielen anderen: "Bobby, Herr Bredi und Mister
Herr Bendel" heißt das Buch, in dem er beschreibt, wie das Leben
so geht, wenn ein schwules Bohemien-Paar sich entschließt, den behinderten
Bruder aufzunehmen, weil die Eltern gestorben sind. Wie sich die drei aneinander
gewöhnen müssen, wie die Gesunden von dem Behinderten lernen,
wie der ihren Alltag aufmischt. Bis er schließlich auf einer großen
Bühne steht und ein Reh in Goldlack entgegennimmt - Bobby, der Schauspieler,
Bobby der Bambi-Preisträger. "Es waren sehr facettenreiche 14 Jahre",
sagt Gerd Brederlow, den Bobby "Herr Bredi" nennt. Vor 14 Jahren ist Bobby
"nach München hineingezogen", wie er sagt. Die Mutter war gestorben
zuhause im Pfälzischen, es gab einen äußerst unangenehmen
Sorgerechts-Streit mit dem dritten Bruder, doch endlich kam Bobby - und
brachte das Leben von Gerd Brederlow und seinem Lebensgefährten Udo
Bandel kräftig durcheinander. Indem er Ordnung hinein brachte.
"Wir waren", schreibt Gerd Brederlow, "bevor mein
Bruder zu uns kam, keine Familie. Unser Leben war unberechenbar, ohne feste
Zeiten und Regeln." Und das ist nun etwas, womit Down-Syndrom-Menschen
überhaupt nichts anfangen können: Bobby besteht auf festen Essenszeiten,
jeder Gegenstand in der Wohnung hat seinen festen Platz. Das Tisch-Set
mit dem Frühstücksgeschirr muss jeden Abend bereitgestellt werden.
Große Umstellung also für beide Seiten: Ordnung, Struktur, Regelmäßigkeit
für die einen. Und für den anderen die Entdeckung der, na ja,
Anarchie. Wenn Gerd Brederlow diese Geschichten erzählt, dann wird's
richtig lustig in dem Buch.
Die Sache mit dem Telefon
Ins Krankenhaus musste Bobby wegen eines kleinen
Eingriffs, ein paar Tage nur. Jedoch: Der Fernseher war kaputt, Langeweile
drohte und das Versäumnis einiger unbedingt eingeplanter Serien-Folgen.
Erst nach dem Wochenende komme der Kundendienst, sagte die Stationsschwester.
Es gebe auch einen Sofortdienst, aber der sei teuer. Bobby wird vertröstet.
Später bekommt Gerd zuhause jede Menge Anrufe von Freunden aus der
ganzen Welt, die erstaunlich gut informiert sind über Bobbys Krankenhaus-Aufenthalt.
In der Klinik: ständig belegt. Als Gerd seinen Bruder endlich an die
Strippe bekommt, kommt's heraus: Langweilig war ihm ohne Fernseher, also
hat er sein Notizbuch genommen und jeden angerufen, der drinnen stand.
Und den Fernseh-Notdienst hat er, teuer hin, teuer her, auch gleich bestellt.
Und Kuchen für alle auf der Station. Dass Gerd ihm später das
Notizbuch heimlich wegnimmt, macht die Sache nicht billiger: Jetzt holt
sich Bobby die Nummern von der Auskunft.
"Bobby ist sehr von sich überzeugt", sagt Gerd
Brederlow. "Er ist der Bestimmer." Das Buch, das nächste Woche erscheint,
das ist natürlich sein, Bobbys Buch: Schließlich ist sein Foto
vorne drauf. Er lässt sich nichts vormachen, nichts befehlen, er besitzt
eine absolute - und manchmal nicht sehr höfliche - Liebe zur Wahrheit.
Er duzt jeden, weil er keine Autorität anerkennt. Er hat keine Angst
vor großen Namen: Als er seine Filme drehte, mit Senta Berger, mit
Friedrich von Thun, mit Veronica Ferres, da waren ihm die Kollegen ja schon
aus dem Fernsehen bekannt. Und so nahm er sie dann auch: als alte Freunde,
die er jetzt halt leibhaftig trifft, nicht nur auf dem Bildschirm.
Vollwertig, mit Handycap
Natürlich hat Gerd Brederlow auch ein Anliegen
mit seinem Bruder: Indem er ihn fördert, ihn Sachen tun lässt,
die ihm zunächst keiner zutraut, bringt er Bobbys Entwicklung voran.
Und zeigt gleichzeitig, wozu Behinderte fähig sind. "Bobby ist ein
vollwertiger Mensch", sagt Gerd. "Mit einem Handycap."
Als vollwertige Menschen gehen sie miteinander um
- und dazu gehört auch ein rauer Ton, den sich wohl nur erlauben kann,
wer selbst dazugehört zur diskriminierten Randgruppe. Im Buch zitiert
Gerd den Satz, durch den Bobby an seine erste Filmrolle kam: "Brederlow,
du alte Vorzeigeschwuchtel", hatte ein befreundeter Regisseur gesagt "ich
hab' da ein Drehbuch gekriegt, und ich glaube, das wär' was fürs
Mongo-Baby." So reden sie in ihrem Kreis, und wenn Gerd sich über
Bobbys nie endendes Geplapper beschwert mit dem Hinweis, er brauche seine
Ruhe, dann sagt Bobby hart, aber gar nicht herzlos: "Geh halt ins Seniorenheim."
Die Ruhe braucht Gerd, weil er vor zwei Jahren einen
Schlaganfall hatte. Und das ist die Geschichte, wie Bobby ihm das Leben
gerettet hat: Ist sofort zu Udo ins Geschäft rüber gerannt, so
dass der Notarzt schon nach Minuten da war. Durfte danach im Krankenwagen
mitfahren und die Infusionsflasche in die Höhe halten. Wie das geht,
das kannte er ja aus den Klinik-Serien, die er so gerne ansieht im Fernsehen.
Und weil er sich irgendwie in einer solchen wähnte, war er danach
sehr stolz und sehr glücklich. Überhaupt nicht down.
Das Buch "Bobby,
Herr Bredi und Mister Herr Bendel" erscheint am 2. Oktober bei Piper.
Heute Abend um 20 Uhr wird es im Literaturhaus vorgestellt: Amelie Fried
im Gespräch mit Bobby und Gerd Brederlow, Udo Bandel und der Schauspielerin
Michaela May.
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| letzte Aktualisierung: 19.10.2002 |
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