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St. Josefs-Stift Eisingen: Misshandlungen zurück zur StartseiteHome
Quelle: Süddeutsche Zeitung, Samstag, 4.11. 2000, S. 59

Erneut Misshandlung in St. Josefs Stift
Pfleger soll Patienten mit Fäusten traktiert haben
Täter vermutlich mit aggressiver Gruppe überfordert

Von Fritz Riedl

Würzburg – Im St.  Josefs Stift Eisingen, einer der größten Behinderten-Einrichtungen in Unterfranken, sollen schon wieder Heimbewohner körperlich misshandelt worden sein. Im neuesten Fall handelt es sich um einen 56-jährigen Heilerziehungspfleger, der im Verdacht steht, zwölf Menschen in einer Wohngruppe über Jahre hinweg mit Fäusten geschlagen zu haben.

Die Geschäftsführung des Stifts, die von einer Mitarbeiterin von den Übergriffen informiert wurde, hat dem Pfleger inzwischen fristlos gekündigt und ihn wegen Körperverletzung angezeigt. Die Kriminalpolizei in Würzburg hat mit ihren Ermittlungen wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen begonnen, wie der leitende Oberstaatsanwalt Peter Schauff bestätigte.

Das „St.  Josefs Stift Eisingen, Einrichtungen für geistig und mehrfach behinderte Menschen“ geriet bereits vor fünf Jahren bundesweit in die Kritik. Vier Mitarbeiter der Wohngruppe 132 waren zu hohen Geldstrafen verurteilt worden, weil sie ihre Patienten verprügelt, geohrfeigt oder mit kaltem Wasser übergossen hatten. Im Winter 1995 schließlich musste sich ein Bademeister vor dem Würzburger Landgericht verantworten. Er wurde wegen sexueller Übergriffe auf eine wehrlose behinderte Frau rechtskräftig verurteilt.

Im St.  Josefs Stift und seinen angeschlossenen Einrichtungen leben augenblicklich rund 360 Frauen und Männer. Ulrich Spielmann, einer der beiden Geschäftsführer des Stifts, erklärte, dass er dankenswerter Weise von einer Mitarbeiterin über die Vorgänge informiert worden sei. Der Frau waren die blauen Flecken bei den zwölf Mitgliedern der Wohngruppe aufgefallen. Die Betroffenen hätten sich bei ihr außerdem über die Behandlung des Pflegers beklagt.

Bei dem Beschuldigten handelt es sich nach Spielmanns Angaben um einen 56-jährigen Heilerziehungspfleger, der bereits seit 27 Jahren in der Behinderteneinrichtung arbeitet. Der Gruppenleiter habe sich in der Vergangenheit nichts zu Schulden kommen lassen, sei als kompetenter Mitarbeiter bei Heimbewohnern wie ihren Angehörigen gleichermaßen beliebt gewesen.

Spielmann räumte ein, dass der 56-Jährige möglicherweise wegen einer Krankheit mit der Aufgabe überfordert gewesen sei. Bei den zwölf Mitgliedern in dieser Wohngruppe handele es sich um zeitweise „verhaltensauffällige und damit aggressive Menschen“, die dann und wann ihre Konflikte selbst mit Schlägen lösten. Insofern seien die körperlichen Misshandlungen nicht sofort zu erkennen gewesen. Der Beschuldigte selbst räumt nur einen Übergriff ein. Spielmann spricht von einem „schlimmen Vorfall“. Die fristlose Kündigung sei im Interesse des Stifts geboten gewesen.
 
 
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Stellungnahme/Leserbrief von Menschen mit Down-Syndrom, Eltern & Freunde e.V. dazu (11.11.2000)


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letzte Aktualisierung: 12.11.2000
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