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Wiederholt Behinderte geschlagen, Main-Post, 3.11.2000)
unser Leserbrief dazu, 11.11.2000

Quelle: Main-Post, Freitag, 3.11. 2000, S. 59, Franken und Bayern

Wiederholt Behinderte geschlagen

EISINGEN (GEHA)

Weil er mehrfach Patienten geschlagen haben soll, hat das St. Josefs-Stift Eisingen (Lkr. Würzburg)
einem langjährigen Mitarbeiter fristlos gekündigt. Das teilte gestern Geschäftsführer Dr. Ulrich
Spielmann mit. Die Behinderteneinrichtung habe Strafanzeige wegen Körperverletzung gegen den
Gruppenleiter erstattet. Der Würzburger Leitende Oberstaatsanwalt Peter Schauff bestätigte den
Eingang der Anzeige. Die Ermittlungen seien noch am Beginn.

Laut Spielmann gingen der Geschäftsführung Anfang Oktober Hinweise zu, dass der 56-jährige
Heilerziehungspfleger, der seit 27 Jahren im St. Josefs-Stift arbeitet, Patienten in der von ihm geleiteten
zwölfköpfigen Wohngruppe geschlagen haben soll. Eine Mitarbeiterin habe blaue Flecken bei den
Behinderten entdeckt, deren entsprechende Klagen ernst genommen und der Bereichsleitung mitgeteilt,
so Spielmann. Der Geschäftsführer betonte, dass es sich bei dem Gruppenleiter um einen bislang
unbescholtenen und als kompetent geltenden Mitarbeiter handele, der bei den Behinderten beliebt sei
und bei deren Angehörigen einen guten Ruf genieße. Der 56-Jährige sei in der "schwierigen Gruppe"
wohl zeitweise überfordert gewesen, möglicherweise sei er auch krank, so Spielmann. Es handele sich
hier offenbar um einen Einzelfall, keinesfalls könne man von systematischen Misshandlungen sprechen,
wie sie 1995 in einer Wohngruppe des St. Josefs-Stifts aufgedeckt wurden.

Der Mitarbeiter bestreitet nach Angaben von Spielmann die Vorwürfe, räumt aber einen Übergriff ein.

Über den "schlimmen Vorfall", der sich über einen "längeren Zeitraum" erstreckt habe, habe man
umgehend Angehörigenbeirat, Heimaufsicht und Betreuer der Betroffenen in Kenntnis gesetzt, erklärte
der Geschäftsführer weiter. Die fristlose Kündigung sei "im Interesse der Einrichtung nötig" gewesen.
Schließlich habe man "einen Ruf zu gewinnen". Der Vorfall zeige, dass das St. Josefs-Stift "zu kleineren
dezentralen Strukturen kommen" müsse. Gemeint ist damit Betreutes Wohnen "mit mehr
Selbstbestimmung". Dies hatte auch bei einer kürzlich in Eisingen stattgefundenen Tagung ein Experte
aus der Behindertenhilfe empfohlen.
 
 
Leserbrief von Menschen mit Down-Syndrom, Eltern & Freunde e.V. vom 11.11.2000:
Zum Artikel der Mainpost 3.11.2000, Wiederholt Behinderte geschlagen

Seit Jahren kommt das St. Josefs-Stift Eisingen nicht aus den Schlagzeilen wegen verschiedener Missstände: Misshandlungen von Bewohnern, Verletzung von Privatgeheimnisen, Vorwurf der unerlaubten fremdnützigen medizinischen Forschung bei nicht einwilligungsfähigen Menschen, etc.

Die Geschäftsführung nahm bei den aktuellen Vorwürfen aktiv und offen Stellung, äußerte, dass die "Vorfälle" besorgniserregend seien, restlos aufgeklärt werden müssen und führte deutliche Konsequenzen herbei: Misshandelnde Mitarbeiter wurden fristlos gekündigt, bzw. wegen Körperverletzung angezeigt, der Vorwurf der unerlaubten Forschung wurde von einer Expertengruppe untersucht und anerkennenderweise mit der Öffentlichkeit offen, kritisch und ausführlich diskutiert.

Dennoch bleibt die Frage nach den primären Ursachen dieser Häufung und Wiederholung von negativen Vorfällen: Was wurde und was wird präventiv unternommen, um Derartiges in Zukunft zu verhindern? Ist die professionelle Hilfe in diesem Bereich der Sozialwirtschaft nicht neu zu überdenken bzgl. Transparenz, Struktur und Inhalten? Dies muss die Vorstandschaft initiieren bzw. in die Wege leiten. Dies schließt ein Fragen nach Personalführung, Mitarbeiterschulung und -zufriedenheit, Mitarbeiterfortbildung im Umgang mit Stress- und Konfliktsituationen, Fragen der Supervision und Intervision, Fragen nach der Erfassung und Kontrolle der Zufriedenheit der Bewohner mit sog. Behinderung (und ihrer Angehörigen oder gesetzlichen BetreuerInnen) bezüglich ihrer Unterbringung - Fragen des Qualitätsmanagements.

Wolfgang Trosbach, Klaus Bernegau, Andrea Kiesekamp, Renate Scherer
Menschen mit Down-Syndrom, Eltern & Freunde e.V., Würzburg, Spessartstr. 57, 97082 Würzburg
info@trisomie21.de
http://www.trisomie21.de
 
 

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letzte Aktualisierung: 12.11.2000
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