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Bayerns einzige „Kooperationsklasse“
Integration mit der Wäscheklammer
An einer Grundschule in Coburg sitzen
behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam im Unterricht
Von Marten Rolff
Coburg - Energisch läutet Stephan
schon zum zweiten Mal eine der aus Blumentöpfen selbst gebastelten
Glocken, die über jedem Gruppentisch im Klassenzimmer hängen.
Ein mit den Kindern verabredetes Zeichen für mehr Ruhe bei den Aufgaben
in der Freiarbeitsphase. Karin Treml unterdrückt ein Grinsen. „Es
reicht jetzt, Stephan“, sagt die Klassenlehrerin. „Alle sind doch völlig
ruhig. Wenn ich rumgehe und erkläre, zählt das nicht.“ Gemeinsam
mit ihrer Kollegin Karin Sladky hat Treml in der ersten Stunde nach den
Osterferien die Aufgaben für den Wochenplan vorgestellt. Ein Novum,
an das sich die Schüler erst gewöhnen müssen. Denn die Freiarbeit,
in der sie wochenweise bestimmte Aufgaben in selbst gewählter Abfolge
erledigen, wurde auf zwei Stunden täglich erhöht. Sie ist für
die Klasse 1b/c an der Heimatring- Grundschule in Coburg besonders wichtig.
Der lernzieldifferente Unterricht hat hier oberste Priorität.
Die 1b/c ist die einzige „integrative
Kooperationsklasse“ in Bayern. Gebildet aus den 18 Schülern der Regelschulklasse
1b und den sieben geistig oder körperbehinderten Kindern der 1c von
der Förderschule Mauritius in der Nachbargemeinde Ahorn. Betreut wird
die Klasse von einer Grund- und einer Sonderschulpädagogin sowie von
einer Praktikantin und einer Pflegekraft. Zwar gibt es im Freistaat auch
andere Kooperationsmodelle, doch einzig bei dem im vergangenen September
gestarteten Coburger Schulversuch werden alle 25 Kinder stets gemeinsam
unterrichtet.
Um den individuellen Bedürfnissen
der Schüler gerecht zu werden und die „enorme Leistungsschere“ zu
berücksichtigen, bedarf es eines klaren Konzeptes und „vieler Absprachen
zwischen den Lehrerinnen“. Auf zwei freundliche Räume verteilt erledigen
die Kinder so unterschiedliche Aufgaben wie das Zusammenbasteln eines Papiergebisses,
Schreiben oder Rechnen. Jana, eine Schülerin mit Down-Syndrom, übt
derweil mit der Praktikantin das Zuordnen von Farben anhand eines Holzpuzzles.
Benötigt ein Kind Hilfe, ruft es nicht, sondern steckt eine mit dem
Namen versehene Wäscheklammer an ein rotes Pappschild neben der Tafel.
Der Reihe nach werden die Anfragen beantwortet. Wer mit den Pflichtaufgaben
fertig ist, kann vorbereitete Zusatzaufgaben lösen. Oder den Mitschülern
helfen wie Jakob. Er unterstützt soeben seine Tischnachbarn bei der
Suche nach Worten mit Umlauten.
Spannungen gibt es selbst später
im Stuhlkreis nicht, als Kilian den Klassenkameraden sein Lieblingsspiel
vorstellt, an dem nur vier Kinder teilnehmen können. Die anderen schauen
geduldig zu. „Das Sozialverhalten der Kinder ist fantastisch“, schwärmt
Christina Melchior über die Erfolge nach den ersten Monaten. Ihre
„derzeit nicht behinderte Tochter“ – damit betont sie die Möglichkeit,
dass es jeden jederzeit treffen kann – besucht ebenfalls die Kooperationsklasse.
Melchior ist Vorsitzende des 1999 gegründeten „Fördervereins
Integrative Schule Coburg“ (FISCo), der den Schulversuch „in zweijähriger
Knochenarbeit“ beim Kultusministerium durchgesetzt hat. Der Verein wollte
das Konzept der integrativen Kindergartengruppen, die in Coburg seit 20
Jahren bestehen, „endlich auch in der Schule weiterführen“.
Für das Vorhaben sammelte FISCo Unterschriften
und Geld und mobilisierte ein Netzwerk aus Familien, Schulen, Ämtern
und Politik. Noch im Februar 2001 wollte das Kultusministerium das bereits
zugesagte Modell kurzfristig kippen, weil man Bedenken hatte, dass sich
Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen nicht angemessen betreuen ließen.
Erst nach erneuten Verhandlungen, bei denen sich der Coburger Landtagsabgeordnete
Jürgen Heike (CSU) mit dem Schulversuch an den Bildungsausschuss wandte
und dort auf „breite Zustimmung“ stieß, gab es grünes Licht.
„Ohne den Verein und den großen
Einsatz aller Beteiligten wäre die Kooperation niemals zustande gekommen“,
resümieren die beiden Schulleiter Adele Bessler und Jürgen Meier.
Wie man sehe, sagt Meier, ließe sich vieles machen, wenn man nur
wolle. Doch beide halten das Engagement nicht für selbstverständlich.
Es funktioniere, „weil alle zum Umdenken bereit sind, betont Bessler. Mit
großer Sensibilität müssten alle darauf achten, dass niemand
zu kurz kommt. So versuche man auch, Eltern und Lehrer der Parallelklasse
1a zu unterstützen, die nun eine größere Schülerzahl
akzeptieren müssen. Dabei sind sich alle einig, dass die größten
Hürden für den „Glücksfall Coburg“, wie Melchior sagt, auf
der Verwaltungsebene lagen. Im September soll eine zweite Kooperationsklasse
eingerichtet werden, die Zustimmung des Ministeriums steht noch aus.
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| letzte Aktualisierung: 11.4.2002 |
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