Würzburg (sv) Es gibt schöne Gefühle und blöde, gute
Geheimnisse und schlechte. Wer das eine vom anderen nicht unterscheiden
kann, läuft Gefahr Opfer sexuellen Mißbrauchs zu werden, sagt
Wildwasser Würzburg, der Verein gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen
und Frauen. Kindern fällt die Unterscheidung oft nicht leicht. Noch
schwerer ist es für geistigbehinderte Kinder.
"Geistigbehinderte leben häufig in Abhängigkeiten, sind wehrloser
und haben nur selten eine Vorstellung von eigenen körperlichen Grenzen,
da viele aufgrund ihrer Behinderung Hilfe brauchen und schon von daher öfter
angefasst werden", so Susanne Kaiser von Wildwasser Würzburg.
Da Mädchen und Jungen mit geistiger Behinderung in der Regel weder die
Möglichkeit haben, sich selbstständig mit dem Thema sexuelle Gewalt
auseinander zu setzen, noch von sich Beratungsstellen aufzusuchen, starteten
Wildwasser-Mitarbeiter im Herbst 2002 an der Christophorus-Schule das Präventionsprojekt
"Ich-bin-ich".
Gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Sonderpädagogik Würzburg,
informierten Wildwasser-Mitarbeiterinnen Lehrer wie Eltern über das
Thema und sensibilisierten sie hinsichtlich Anzeichen eines Missbrauchs.
Vor allem aber arbeiteten sie mit den Kindern und Jugendlichen zwischen
zwölf und 19 Jahren, zeigten ihnen, wie sie eigene Grenzen wahrnehmen
und vertreten können, machten ihnen Mut, sich zu wehren und Hilfe zu
holen.
Dabei wurde bewußt eine Trennung nicht nur in Alters- sondern auch
geschlechtsspezifische Gruppen gewählt. Die zwei Jungengruppen leitete
Peter Heinrich, Dozent (Bereich Geistigbehindertenpädagogik), gemeinsam
mit männlichen Studenten. Die drei Mädchengruppen wurden von Wildwasser-Mitarbeiterinnen
in Zusammenarbeit mit weiblichen Studenten betreut - jeweils in Begleitung
einer Mitarbeiterin der Christophorus-Schule.
Eine gute Entscheidung: "Die Kinder waren in ihren Fragen unbefangener",
sagt Kaiser. Und während es bei den Mädchen vor allem darum ging,
sich selbst, die eigenen Gefühle wahrnehmen und auch Nein-sagen, also
um ein gesundes Selbstbewußtsein ging, stand bei den Jungs die Selbstachtung
aber auch die Achtung anderer im Mittelpunkt. Oder wie Heinrich es formuliert:
"Wie geht es mir damit? Wie fühlt sich der andere?"
Gearbeitet wurde viel mit nonverbaler Kommunikation und Bildern. Heinrich
griff zudem auf den Film "Ronja Räubertochter" zurück, denn "der
Film steckt voller Emotionen wie Ekel, Wut, Angst, Verzweiflung und Trauer,
die die Kinder auch gut benennen können".
Das Projekt war ein Erfolg für alle, sagen die Beteiligten. Dennoch
wird es nicht verlängert. Es fehlt das Geld. Der intensive Einsatz
in der Christophorus-Schule war nur möglich, weil Wildwasser eine großzügige
Spende von "Antenne Bayern hilft" bekommen hatte. Doch wird Wildwasser im
Herbst ein neues Präventionsprojekt starten, mit erwachsenen behinderten
Frauen der Mainfränkischen Werkstätten, finanziert aus einem Finanztopf
anlässlich des Europäischen Jahres für Menschen mit Behinderung.