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Quelle: Die WELT, 31.12.2002, Magazin

Trisomie 21 hatten die Ärzte bei dem Ungeborenen diagnostiziert: Down-Syndrom. Die Ärzte nahmen eine Spätabtreibung vor. Doch der kleine Tim überlebte. Heute ist er fünf Jahre alt
von Guido Heinen

Tim rutscht auf dem Boden entlang, jagt dem gelben Noppenball hinterher. Anja Berndt* beugt sich kurz hinunter zu ihm, fängt ihn auf, als er mit seinem Kopf Richtung Türpfosten steuert. Tim gluckst laut, lacht. Dann wehrt er sich heftig, als seine Mutter ihm die Nase putzen will. „Wissen Sie, er ist wie ein Anderthalbjähriger“, sagt sie. „Aber im Körper eines Fünfjährigen.“

Dass Tim jetzt fünf Jahre alt ist und bei den Berndts lebt, gleicht einem Wunder. Schon seine Geburt im Sommer 1997 ist eine Sensation. Denn eigentlich dürfte es Tim gar nicht geben. Als man bei ihm in der 25. Schwangerschaftswoche Trisomie 21, das so genannte Down-Syndrom, feststellt, raten die Ärzte der Mutter sofort zur Abtreibung. Keine vier Stunden vergehen zwischen der Diagnose und dem eigentlich tödlichen Eingriff. Keiner berät die Frau, keiner zeigt ihr Perspektiven auf, wie das Leben mit einem Down-Kind sein kann. Es ist die kalte Reaktion auf ein Baby, das aus dem Raster fällt. „Trisomie 21“, das sollte für Tim den Tod bedeuten. Er wäre eines von über 400 lebensfähigen Kindern geworden, die seit der Neufassung des Paragrafen 218 im Jahr 1995 jährlich in Deutschland Opfer einer Spätabtreibung werden.

Die Abtreibung schlägt fehl. Tim kommt, durch den Eingriff zusätzlich schwer geschädigt, zur Welt. 690 Gramm, 32 Zentimeter, hieße es jetzt bei einem Frühchen, und die Ärzte würden um sein Leben kämpfen. Aber Tims Ärzte legen ihn einfach zur Seite, dass er sterbe. Unversorgt, ungewärmt, ungeschützt wimmert Tim über neun Stunden in einer Ecke des Kreissaals vor sich hin. Irgendwann erbarmt sich einer seiner und leitet endlich die Notversorgung ein.

„Dass Tim sich so ans Leben geklammert hat, richtig darum gekämpft hat, hat uns imponiert“, sagt Axel Berndt heute. Damals vor fünf Jahren, kurz vor Weihnachten 1997, klingelte bei ihnen das Telefon. Das Jugendamt fragte das Ehepaar, das gerade eine Ausbildung als Pflegeeltern absolviert hatte, ob sie ein Neugeborenes mit Trisomie 21 aufnehmen würden. „Wir sind sofort hingefahren. Unser Ja war eine Entscheidung innerhalb eines Augenblicks“, sagt Frau Berndt. „Wir haben ihn gesehen und wollten ihm sofort helfen.“ Obwohl sie eigentlich nie daran gedacht hatten, ein behindertes Kind in Pflege zu nehmen. Und eigentlich sollte es ja auch ein Mädchen sein.

Das Haus der Berndts ist groß und freundlich. Mit blau-weiß gestreiften Tapeten, viel Licht und hellen Kiefernmöbeln. Nichts von bitterer Helferatmosphäre. Das Wort „Opfer“ hören die Berndts nicht gerne. Typisch vielleicht für Menschen, die wirklich eins bringen.

„Ich gehe in den Gitarrenunterricht, kannst du mich bitte fahren?“ Der Älteste der beiden leiblichen Söhne steht in der Tür, blickt seinen Vater an. Draußen schneit es, das kleine Neubaugebiet in der rheinischen Kleinstadt wirkt jetzt noch gemütlicher. Wie haben die beiden anderen Kinder auf Tim reagiert? Frau Berndt schaut ihren Mann an. Ihre Antwort kommt ein wenig zögernd. „Sie haben ihn willkommen geheißen und lieben ihn“, sagt sie. Gezögert hat sie, weil sie an die ersten Reaktionen ihrer Verwandten denken muss, als die von dem Plan erfuhren, Tim aufzunehmen. Für verrückt haben sie sie erklärt, ihnen schwere Vorwürfe gemacht wegen der Kinder, die jetzt zurückstecken müssten wegen Tim. Dass sie das müssen, bestreiten die Berndts auch nicht. „Aber sie haben gelernt, auf andere Rücksicht zu nehmen und für andere da zu sein“, sagt Axel Berndt. Im Erdgeschoss bekommt Tim derzeit ein eigenes, neues Zimmer gebaut. Alles behindertengerecht auf einer Ebene, mit Hebebett und speziell konstruiertem Bad. Denn Tim ist auf Grund seiner Geschichte nicht nur an Trisomie 21 erkrankt. Diese Behinderung, so sagen die Berndts heute, wäre wohl noch am leichtesten zu pflegen gewesen. „Wir dachten am Anfang auch, er habe lediglich die Chromosomenanomalie“, erinnern sie sich heute. Aber der Abtreibungsversuch an dem vollkommen lebensfähigen Baby und die folgende Unterversorgung haben es auch in anderen Bereichen irreparabel geschädigt. Die Lungen sind nicht richtig ausgebildet, der Kopf ist geschädigt. Das Aufnahmeprotokoll der Kinderklinik, die ihn nach den qualvollen Stunden endlich aufnahm, listet gleich am ersten Tag mehr als ein Dutzend Schädigungen auf.

„Ja, Tim schmeißt derzeit viel herunter“, sagt seine Mutter. Egal wo sie ihn hinsetzt, alles fliegt auf den Boden. Tim trägt seit einiger Zeit wieder einen Schutzhelm. „Autoaggression“ nennen die Ärzte es, „Stress“ nennt es die Mutter. Tim kann wie ein Baby um sich hauen. Aber er wiegt jetzt 17 Kilo und ist somit das, was Onkels und Opas einen „großen Jungen“ nennen. Er muss einen Helm tragen, der seinen Kopf schützt, wenn er wieder mal zu wild wird.

Das Autistische in ihm hat in der letzten Zeit wieder stärkere Züge angenommen. Aber seine neuen Eltern können mit ihm kommunizieren. „Wenn ich direkt vor ihm bin, ihm fest in die Augen sehe, dann sieht er mich.“ Anja Berndt sagt dies so, als ginge es nur darum, die Sprechlautstärke ein wenig zu erhöhen. Dabei schwingt in ihr Freude mit über den Erfolg der letzten Therapie, aus der Tim nach acht Wochen gerade heimgekehrt ist. Fast ein Viertel des Jahres ist er unterwegs in Kliniken, Sanatorien und Therapiezentren, die seine Behinderung behandeln. Die letzten Wochen im Schwarzwald haben ihn einen gehörigen Sprung nach vorn machen lassen. Seine Bewegungen sind koordinierter, er ist agiler geworden, auch zielgerichteter in seinem Tun. „Er liebt seine Bälle“, sagen seine neuen Eltern. Wenn er einen fangen und halten kann, ist dies ein kleines Fest für sie. Jetzt üben sie Schlucken mit ihm, damit der künstliche Magenzugang wieder entfernt werden kann.

Die Berndts sind reiselustig. Über dem Esszimmertisch hängen die Fotos ihrer Exkursionen: halb Europa, USA, Südafrika. Oft genug war auch Tim dabei. Nächstes Jahr soll es nach Florida gehen – aber nicht zur Erholung. Diesmal geht es um Tim. Die Berndts wollen ihm eine Delphin-Therapie ermöglichen: Geistig Behinderte entwickeln ungeahnte Fähigkeiten, wenn sie täglich mit den Meeressäugern für eine kurze Zeit zusammen sind. Ob es die Ultraschallwellen sind oder der direkte Kontakt mit dem Tier selbst – wissenschaftlich ist die Methode widersprüchlich erklärt. Allein die Erfolge sprechen dafür.

Tausende autistischer und anders behinderter Kinder konnten nach dem Treffen mit den Delphinen besser wahrnehmen, fühlen, reagieren, kommunizieren. Die Berndts haben Tim bereits angemeldet, obwohl sie die horrenden Teilnahmegebühren von mehreren Tausend Dollar erst noch mühsam zusammenkratzen müssen. „Wir hoffen, dass dies auch Tim weiterbringt“, sagen sie. Zuletzt ist er sehr viel auf Pferden gewesen, die Reittherapie hat ihm bereits geholfen, sich besser zu bewegen. In den Down-Initiativen, in denen Frau Berndt mitarbeitet, berichten Eltern begeistert von den Erfolgen des Delphinschwimmens. „Wir möchten“, sagt Frau Berndt, „dass Tim Fortschritte macht in seinem Leben.“ Sie blickt auf Tim, der in seinem neuen Hochstuhl eingeschlafen ist. Zuletzt mit etwas wie einem Lachen auf dem Gesicht. Er lebt.

Spendenkonto für Tims Therapie:
Stiftung „Ja zum Leben“, Kto. Nr. 771 220 001, Dresdner Bank Meschede (BLZ 440 800 50) Stichwort: „Delphintherapie Tim“


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letzte Aktualisierung: 2.2.2003
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