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Erwin Breitenbach und Harald Ebert
Vertiefte Kooperation im Rahmen des Modells der Außenklassen und ihre Auswirkungen auf das Sozial- und Arbeitsverhalten der Schüler
Einleitung
Die Universität Würzburg begleitete
in den Schuljahren 1997/98 bis 1999/2000 ein Kooperationsprojekt zwischen
einer "ausgelagerten Klasse" einer Schule zur individuellen Lebensbewältigung
und zwei Klassen einer Montessorischule. Im folgenden werden zunächst
die konzeptionellen Grundgedanken erläutert und der Verlauf des Projektes
während dieser drei Jahre beschrieben.
Daran schließen sich zwei Untersuchungen
an, die im Rahmen dieses Modellprojektes durchgeführt wurden, um der
Frage nachzugehen, inwieweit die Kinder mit Behinderung in den Klassenunterricht
der Montessorischule integriert werden konnten.
Im zweiten Kooperationsjahr wurde deshalb
eine Verhaltensbeobachtung durchgeführt mit dem Ziel herauszufinden,
wie das Arbeits- und Lernverhalten der Schüler mit Behinderung während
der Freiarbeit aussieht, in welchem Umfang sie das Lernangebot in der Freiarbeitszeit
annehmen und nutzen, und ob sie hierbei auch die nötige individuelle
Förderung und Zuwendung der Pädagoginnen und Pädagogen erhalten.
Darüber hinaus sollte noch erfasst werden, wie sich die Sozialkontakte
der Kinder mit Behinderung zu ihren nichtbehinderten Mitschülern in
einer gebundenen schulischen Situation gestalten.
Gegen Ende des dritten Kooperationsjahres
richtete sich das wissenschaftliche Interesse auf die Gestaltung der Sozialkontakte
in ungebundenen Situationen. Dazu wurden eine Verhaltensbeobachtung in
der Pausensituation und ein Soziogramm durchgeführt.
Das Kooperationsmodell Außenklasse
Als "conditio sine qua non" wurde im Vorfeld
der Kooperation vereinbart, dass die Eltern von Kindern mit und ohne Behinderung,
die beteiligten Pädagoginnen und Pädagogen, die Schulleitung,
die Träger derSchulen und die
Schulverwaltung der Bildung einer Außenklasse zustimmen mussten.
Die
langwierige Diskussion reichte von Ablehnung, weil die Außenklasse
als Minusvariante der eigentlich gewünschten Integrationsklasse interpretiert
wurde, bis zum Wunsch, noch ein weiteres Jahr mit der Bildung der geplanten
Außenklasse zu warten, weil man sich bereits durch kooperative Formen
des gemeinsamen Lebens und Lernens überfordert glaubte.
Der
Begriff der Außenklasse wurde von Anfang an kritisiert, da die gewünschte
Einbindung in die Montessorischule durch diese Bezeichnung erschwert werden
könne, indem eine Außenseiterrolle suggeriert wird. Die Eltern
sprechen deswegen von Förderklasse. In der Hoffnung, das Modell noch
ausweiten zu können, bevorzugen wir den Begriff Fördereinheit.
Die Fördereinheit überschreitet die vertiefte Kooperation zwischen
Förderklassen und Regelklassen, weil das Aufgabenfeld der Mobilen
sonderpädagogischen Dienste (MSD), nämlich die Förderung
einzelner Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Regelklassen,
konzeptionell einbezogen werden kann. Impulse für die Entfaltung der
Fördereinheit finden sich im amerikanischen Konzept der "resource
rooms" (Ebert/Lindlein 1999). Im weiteren Verlauf der Darstellung sprechen
wir jedoch noch von Förderklasse.
Im
Vorfeld wurde von den Beteiligten folgenden konzeptionellen Standards zugestimmt:
Verlauf
des Projektes
Die Förderklasse besuchten im ersten
Berichtsjahr sechs, im zweiten und dritten Berichtsjahr acht Schülerinnen
und Schüler. Die Zusammensetzung der Klasse wurde von der im ersten
Jahr zuständigen Sonderpädagogin als "durchschnittliche Klasse
der Schule zur individuellen Lebensbewältigung" beschrieben. Für
ein Mädchen mit "autistischen Zügen" äußerten die
zuvor zuständigen Fachkräfte der schulvorbereitenden Einrichtung
Zweifel, ob der Besuch der Außenklasse den Bedürfnissen des
Kindes gerecht werden könne. Der Förderklasse wurde im Schulhaus
der Montessori-Schule ein eigener Klassenraum zugeordnet. Zum Ende des
dritten Kooperationsjahrs schieden zwei Kinder aus der Klasse aus. Ein
Kind nach einem Umzug, das zweite wegen des Wechsels in eine Diagnose-
und Förderklasse der Schule zur individuellen Lernförderung.
Vier Kinder kooperierten am Ende des Berichtszeitraumes drei Jahre, zwei
Kinder zwei Jahre. Mit Beginn der Kooperation besuchten vier Kinder probeweise
den angeschlossenen Montessori-Hort. Die Hortleitung erklärte sich
bereit, je nach den Wünschen der betroffenen Eltern, die Kinder auch
für einzelne Tage aufzunehmen. Aufgrund der aktuellen pädagogischen
Bedürfnisse der Kinder wurde dann mit den Eltern die Dauer und der
fachliche Rahmen des Hortbesuches besprochen. Im dritten Jahr besuchten
fünf Kinder aus der Förderklasse zugleich den Hort.
Die zur Verfügung stehenden Personalstunden
(Tabelle 1) entsprachen weitgehend der Situation vergleichbarer Klassen
in der Schule zur individuellen Lebensbewältigung. Der Förderklasse
wurden zwei Kooperationsklassen der Montessorischulen mit höchstens
20 Grundschülerinnen und Grundschülern zugeordnet. Diese Klassen
wurden jeweils von einer Lehrkraft mit voller Stundenzahl und einer "Zweitkraft",
die für die Dauer der täglichen Freiarbeit beschäftigt ist,
geleitet. Die Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf
waren den größten Teil der Unterrichtszeit, nämlich im
ersten Jahr 14, im zweiten 16 und im dritten 20 Unterrichtsstunden in die
Regelklasse integriert1. In den verbleibenden
Unterrichtsstunden fand in einzelnen Fächern getrennter Unterricht
statt. Die Freiarbeit betrug täglich drei Stunden und war nach dem
Prinzip der Jahrgangsmischung organisiert. Das heißt Kinder der Grundschulklassen
eins, zwei und drei und die Kinder der Förderklasse erhielten in dieser
Zeit gemeinsam Unterricht.
Auf
die wichtige Fragestellung, wie sich unter den Bedingungen der räumlichen
Eingliederung einer Klasse der Schule zur individuellen Lebensbewältigung
in eine Grundschule die Systeme einander annähern und wie dieser Prozess
sinnvoll moderiert werden kann, wurde an anderer Stelle eingegangen (Breitenbach/Ebert
et al. 1999 und 2001)
1 Im vierten Jahr, also in der Folge des hier vorliegenden Berichtes, betrug der Umfang der gemeinsamen Unterrichtsstunden ebenfalls 20. Im fünften Jahr, dem Schuljahr 2001/2002, werden die Kinder m allen Unterrichtsstunden gemeinsam unterrichtet, äußere Differenzierungen finden nur noch nach individuellem Bedarf statt. Weiterhin wurde eine zweite „Außenklasse" an der Montessonschule eingerichtet.
Tabelle
1: Entwicklungen vom ersten bis zum dritten Kooperationsjahr
| Unterrichtsstunden | 1. Schuljahr | 2. Schuljahr | 3. Schuljahr |
| Wochenstunden der Schüler laut Stundentafel | 21 | 22 | 22 |
| Unterrichtsstunden:
- Heilpädagogische Förderlehrerin - Sonderschullehrerin - Kinderpflegerin der Schule zur individuellen Lebensbewältigung - Lehrer/in der Montessorischule |
21 12 9 - |
21 3 14 6 |
21 3 14 6 |
| Gemeinsame
Unterrichtsstunden |
14
Freiarbeit |
16
Freiarbeit + Textilarbeit / Werken + Sport |
20
Freiarbeit + Textilarbeit / Werken + Sport + Religion + Sachunterricht |
| Unterrichtsstunden nur für Kinder der Förderklasse | 6
Religion (1) Bildnerisches Gestalten (1) Rhythmik (1) Grundlegender Unterricht (3) |
4
Förderunterricht (2) Religion (1) Rhythmik (1) |
2
Bildnerisches Gestalten (1) Rhythmik (1) |
| Unterricht in der Förderklasse mit einigen Grundschulkindern | 1
Frühstück |
2
Sachunterricht |
- |
Arbeits- und Sozialverhalten in gebundenen Situationen (Freiarbeit)
Die vorgestellte Untersuchung berichtet von acht Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die im Schuljahr 1998/99 in der Förderklasse der örtlichen Schule zur individuellen Lebensbewältigung an der Montessori-Schule unterrichtet wurden.
1. Fragestellung
Bezüglich
der sozialen Kontakte der Kinder mit und ohne Behinderungen beobachteten
Lehrkräfte und Eltern im ersten gemeinsamen Jahr, dass es vermehrt
zu Auseinandersetzungen zwischen den Schülern der Förder- und
der Kooperationsklassen kam. Eine anfängliche vorsichtige Zurückhaltung
der Kinder ohne Behinderung den Kindern mit Behinderung gegenüber
hatte sich angeblich gelegt. Andererseits entwickelten sich erste Freundschaften
zwischen Förder- und Regelklassenkindern.
Es
stellte sich auch die Frage, ob im Rahmen der Freiarbeit den Bedürfnissen
der Kinder mit Behinderungen entsprochen werden konnte. Nach Beobachtungen
der Lehrkräfte schien bei den Schülern der Förderklasse
der Wunsch nach einer intensiven und dauerhaften Beschäftigung mit
einem bestimmten Montessorimaterial nicht so stark ausgeprägt zu sein
wie bei den Schülern der Kooperationsklassen. Die Förderschüler
liefen angeblich mehr herum, schauten zu und wollten lieber bei anderen
mitmachen.
Aus
diesen Beobachtungen ergaben sich zwei interessante Fragestellungen:
1.1. Wie sieht das Lern- und Arbeitsverhalten der Förderklassenschüler während der Freiarbeit aus? In welchem Umfang arbeiten sie geordnet, beobachten ihre Mitschüler oder stören gar den Unterricht? In welchem Ausmaß erhalten sie im Rahmen der Freiarbeit die nötige individuelle Förderung und Zuwendung durch die Pädagogen?
1.2. Wie gestalten sich die Sozialkontakte der Förderklassenkinder? Handelt es sich hierbei mehr um einseitige Kontakte oder um dialogische? In welchem Ausmaß sind die Kontaktaufnahmen konflikthafter Natur? Nehmen Förderklassenschüler in erster Linie Kontakt zu Mitschülern aus der Förderklasse auf oder bestehen auch Sozialkontakte zu nichtbehinderten Klassenkameraden?
2. Methode
Zur
Klärung dieser Fragen wurde eine systematische, offene und nichtteilnehmende
Verhaltensbeobachtung durchgeführt. Als Beobachter wurden Studierende
der Universität Würzburg eingesetzt, die durch ein
Beobachtertraining
auf ihre Aufgabe vorbereitet wurden. Da an der Montessori-Schule häufig
Hospitationen von Eltern und Interessierten stattfinden, waren die Schülerinnen
und Schüler die Anwesenheit weiterer Erwachsener gewohnt und fühlten
sich nicht gestört.
3. Beobachtungsbogen
Der
Beobachtungsbogen wurde über die Dauer von drei Monaten entworfen,
überprüft und mehrfach überarbeitet. Die eigentliche Untersuchung
fand im Sommersemester 1999 statt.
Der
Beobachtungsbogen ist in drei Bereiche unterteilt. Im ersten Teil werden
die Kennnummer des zu beobachtenden Schülers bzw. der zu beobachtenden
Schülerin, das Datum, der genaue Beginn und das Ende der Beobachtung
festgehalten. Der zweite Teil besteht aus den Beobachtungskategorien, welche
das Arbeitsverhalten erfassen und im dritten Teil werden die Kategorien
aufgeführt, die den Sozialkontakt des beobachteten Kindes erfassen.
Das
Arbeitsverhalten war einer der folgenden fünf Kategorien zuzuordnen:
Geordnete Arbeit, Arbeit mit Hilfe, Beobachtung, ungeordnete Arbeit und
Stören. Als
geordnete Arbeit galt das Vorbereiten und das Aufräumen
eines Materials, die Arbeit mit dem Material selbst und vereinbarte "Übungen
des täglichen Lebens". Unter der Kategorie Arbeit mit Hilfe wurde
die gemeinsame Arbeit mit einer Lehrkraft vermerkt. Darunter fielen die
Demonstration eines Materials, die Einzelförderung und jede Arbeit
(geordnet oder beobachtend), die unter Anleitung und/oder überwiegender
Aufsicht stattfand. Die Kategorie Beobachtung erfasst das Verhalten,
wenn das beobachtete Kind die Arbeit eines anderen Kindes oder das Geschehen
in der Klasse verfolgt. Die Kategorie Stören wurde gewählt,
wenn der beobachtete Schüler bzw. die beobachtete Schülerin in
die Tätigkeit von anderen Kindern eingriff, mit der Wirkung, dass
diese abgelenkt wurden oder deren Arbeit unterbrochen wurde. Ein Verhalten
wurde schließlich unter der Kategorie ungeordnete Arbeit vermerkt,
wenn die Beschäftigung mit einem Material unangemessen, das heißt
gegen die in der Klasse vereinbarte Nutzung war, wenn das Kind im Klassenzimmer
umherlief oder wenn das Material ständig gewechselt und keine Arbeit
abgeschlossen wurde.
Die
sozialen Kontakte eines Kindes wurden mittels der Kategorien Dialog,
einseitiger Kontakt, Zeigen, Konflikt, subsidiäre Lernsituation und
kooperative Lernsituation erfasst. Der Einfluss der Lehrkraft bei den
Interaktionen zwischen Kindern wurde in der Kategorie Rolle der Lehrkraft
aufgeführt. Als Dialog wurde jeder eindeutig zweiseitige Kontakt
zwischen dem beobachteten Kind und einem anderen Kind gewertet. Auch Mimik,
Gestik oder körperliche Zuwendungen wurden als Kontakt verstanden.
Zentral für diese Kategorie war die Beidseitigkeit des Kontaktes.
Ein zufälliges Kreuzen der Blicke oder eine zufällige Berührung
beispielsweise in Form eines sich gegenseitig Anstoßen wurde nicht
als ein Kontakt vermerkt. Ein einseitiger Kontaktversuch lag vor,
wenn der Kontaktversuch des beobachteten Kindes von einem anderen Kind
der Klasse entweder abgelehnt oder ignoriert wurde. Die Kategorie Zeigen
wurde
signiert, wenn das beobachtete Kind einen Gegenstand zeigte, um beispielsweise
eine Rückmeldung über seine Leistung oder eine Bestätigung
seines Könnens zu erlangen. Eine Bitte um Hilfe wurde nicht über
diese Kategorie erfasst. Die Kategorie Konflikt wurde vermerkt,
wenn zwei Schüler - wovon einer das beobachtete Kind war - eine körperliche
oder verbale Auseinandersetzung hatten. Ein Konflikt konnte auch entstehen,
wenn ein einseitiger Kontaktversuch von einem Kind abgelehnt wurde, das
Kontakt suchende Kind die Ablehnung jedoch nicht akzeptierte.
Die
Kategorien subsidiäre Lernsituation und kooperative Lernsituation
waren Spezifizierungen der Kategorie Dialog. Die Kategorie subsidiäre
Lernsituation wurde vermerkt, wenn das beobachtete Kind mit einem anderen
Kind zusammen arbeitete und die gemeinsame Arbeit durch Asymmetrie gekennzeichnet
war. Das bedeutete, dass das Kind eigene Handlungsziele verfolgte, aber
dennoch auf die Hilfe der anderen Person(en) angewiesen war. Je nachdem,
ob das zu beobachtende Kind die Hilfe bekam oder leistete, wurde seine
Tätigkeit in der entsprechenden Kategorie (entweder bekommt Hilfe
oder
bietet
Hilfe) vermerkt. Eine kooperative Lernsituation
lag dann vor,
wenn das Kind mit mindestens einem weiteren Kind an einem gemeinsamen Gegenstand
arbeitete. Wurde bei dieser gemeinsamen Arbeit ein gemeinsames Ziel (wie
zum Beispiel bei einer Projektarbeit) verfolgt, wurde dies unter der Kategorie
solidarisch
notiert. Wurde hingegen ein unterschiedliches Ziel (wie
zum Beispiel beim Schachspielen) angestrebt, dann wurde dies unter der
Kategorie komplementär
festgehalten. Die Sozialkontakte zu
den Lehrkräften wurden in der Untersuchung nicht erfasst.
Konnte
das Verhalten des Kindes keiner Kategorie zugeordnet werden (z.B. beim
Verlassen des Raumes) oder war sich der Beobachter bei der Zuordnung eines
Verhaltens unsicher, wurde das Verhalten des Schülers bzw. der Schülerin
auf der rechten Seitenfläche des Beobachtungsbogens beschrieben.
4. Durchführung
Jedes
Kind wurde über einen Zeitraum von drei Monaten hinweg wöchentlich
30 Minuten in der Freiarbeit beobachtet. Jeder Beobachter konzentrierte
sich jeweils auf das Verhalten eines Kindes. Die Kodierungen wurden im
Ein-Minuten-Takt vorgenommen. Voraussetzung war ein Verhalten das tatsächlich
über den Zeitraum von einer Minute beibehalten wurde. Arbeitete ein
Kind beispielsweise 45 Sekunden mit einem Gegenstand und beobachtete 15
Sekunden seinen Nachbarn wurde kein Vermerk in der Kategorie geordnete
Arbeit, sondern eine Notiz in der Kategorie Beobachtung gemacht.
Beim Arbeitsverhalten konnte pro Minute eine Kodierung vorgenommen werden.
Insgesamt waren pro Kind maximal 300 Signierungen für das Arbeitsverhalten
möglich.
Im
Bereich Sozialverhalten war entweder eine Signierung in der Kategorie Dialog
oder
einseitiger
Kontakt oder zeigen oder Konflikt
möglich. War die
Kategorie Dialog signiert, musste zusätzlich unterschieden
werden in die Kategorien bietet Hilfe oder bekommt Hilfe. Weiterhin
wurde der Dialog zusätzlich als komplementär
oder solidarisch
qualifiziert.
Damit waren pro Minute im Bereich Sozialkontakt maximal drei Signierungen
möglich.
Im
Feld Material/Sozialform konnte eine Beschreibung des Materials (z.B. Goldenes
Perlenmaterial, roter Turm, Lesekarten ...) oder der Sozialform (Morgenkreis,
Freiarbeit, Pause) erfolgen.
5. Ergebnisse
Betrachtet
man zuerst das Arbeitsverhalten der Förderklassenkinder, ohne
auf das individuelle Arbeitsverhalten einzelner Kinder einzugehen, ergibt
sich folgendes Ergebnis:
Insgesamt
51 % der in der Beobachtung erfassten Zeit verbringen die Schülerinnen
und Schüler mit geordneter Arbeit. Weitere 22 % der Zeit arbeiten
sie gemeinsam mit der Lehrkraft. Folglich zeigt sich, dass sie 73 % der
Freiarbeitszeit zur tatsächlichen Mitarbeit nutzen. Daneben verbringen
die Schüler weitere 9,3 % der Zeit mit der Beobachtung anderer Kinder.
Die ungeordnete Arbeit nimmt 17 % der Freiarbeitsphasen ein. Störendes
Verhalten tritt mit 0,7 % der beobachteten Zeit praktisch nicht auf.
Ein einheitliches Arbeitsverhalten der Schülerinnen und Schüler lässt sich bei einer differenzierten Betrachtung der Einzelergebnisse nicht feststellen. Vielmehr weichen die Schüler, was ihren Anteil der geordneten Arbeit an der gesamten Freiarbeit anbelangt, deutlich voneinander ab. Die Gesamtübersicht veranschaulicht, dass der Anteil der geordneten Arbeit zwischen 21 % und 80 % variiert. Der Anteil der Arbeit mit Hilfe schwankt dementsprechend zwischen 5,5 % und 38,8 %. Nimmt man die Kategorien geordnete Arbeit und Arbeit mit Hilfe zusammen, wird deutlich, dass die Schülerinnen und Schüler entsprechend ihres Bedarfs individuell gefördert werden. Schüler 5 arbeitete beispielsweise 80 % der Beobachtungszeit geordnet und erhielt nur während 6 % der Zeit Hilfe durch eine Lehrkraft. Dagegen verbrachte Schüler 8 nur 21 % der Beobachtungszeit mit geordneter Arbeit und erhielt dafür während 39 % der Beobachtungszeit Hilfe durch die Lehrkraft.
Tabelle
2: Arbeitsverhalten der einzelnen Schüler/innen in der Freiarbeit
| Arbeitsverhalten | S1 | S2 | S3 | S4 | SS | S6 | S7 | S8 | Gesamt |
| Geordnete A. | 124 | 69 | 120 | 142 | 72 | 17 | 15 | 19 | 578 |
| Arbeit mit Hilfe | 38 | 31 | 20 | 86 | 5 | 19 | 16 | 35 | 250 |
| Beobachtung | 7 | 33 | 14 | 16 | 6 | 2 | 9 | 18 | 105 |
| Ungeordnete Arbeit | 30 | 15 | 41 | 41 | 7 | 21 | 20 | 18 | 193 |
| Stören | 1 | 0 | 1 | 0 | 0 | 1 | 5 | 0 | 8 |
| Gesamt | 200 | 148 | 196 | 285 | 90 | 60 | 65 | 90 | 1134 |
Das
Arbeitsverhalten der einzelnen Kinder erweist sich als stark situationsabhängig.
Schüler 1 arbeitete zum Beispiel am 15.06. ca. 95 % der Zeit geordnet,
erhielt kaum Hilfe, dagegen am 6.07. nur 20 % der Zeit geordnet und erhielt
während 60 % der Zeit Unterstützung durch die Lehrkraft. Dadurch
wird offensichtlich, dass eine punktuelle, einmalige Beobachtung des Arbeitsverhaltens
von Schüler 1 noch nichts über die Angemessenheit der Freiarbeit
als gewählte Methode für ihn aussagen kann. Ähnliches ist
auch bei allen anderen beobachteten Kindern festzustellen.
Von den 1134 einminütigen Beobachtungseinheiten
wurden insgesamt 228 Einheiten mit Sozialkontakt registriert. 76,8
% dieser Kontakte führten zu einem Dialog. In 3,1 % der Kontakte zeigte
ein Kind mit Behinderung einem anderen etwas, in 8,3 % der Kontakte entstand
ein Konflikt und 11,8 % der Kontaktversuche von Kindern mit Behinderungen
blieben unbeantwortet.
Tabelle 3: Sozial- und Kontaktverhalten
aller Schüler/innen in der Freiarbeit
| S1 | S2 | S3 | S4 | S5 | S6 | S7 | S8 | Gesamt | in% | |
| Dialog | 8 | 29 | 34 | 35 | 40 | 3 | 20 | 6 | 175 | 76,8 |
| Einseitiger Kontakt | 2 | 0 | 0 | 9 | 1 | 4 | 7 | 4 | 27 | 11,8 |
| Zeigen | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 3 | 4 | 0 | 7 | 3,1 |
| Konflikt | 0 | 4 | 0 | 1 | 6 | 3 | 4 | 1 | 19 | 8,3 |
| Summe | 100 | |||||||||
| davon zu nichtbehinderten Kindern | 7 | 17 | 26 | 7 | 3 | 4 | 16 | 8 | 88 | |
| Bietet Hilfe | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | |
| bekommt Hilfe | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 | 5 | 1 | 6 | |
| komplementär | 0 | 5 | 0 | 0 | 17 | 0 | 6 | 0 | 28 | |
| solidarisch | 0 | 19 | 0 | 16 | 8 | 0 | 0 | 0 | 43 | |
| Kontakte insgesamt | 10 | 33 | 34 | 45 | 47 | 13 | 35 | 11 | 228 |
Von
den 228 Sozialkontakten fanden 38,6 % zwischen einem Schüler der Außenklasse
und einem Grundschulkind statt, hingegen 61,4 % zwischen zwei Schülerinnen
bzw. Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Weiterhin
zeigt die Analyse der Sozialkontakte, die als Dialog gestaltet wurden,
dass sich 40,6% im Rahmen gemeinsamer Arbeit ereigneten. In diesen Situationen
standen die Sozialkontakte im Zusammenhang mit Aufgabenstellungen aus der
Freiarbeit.
Der
Kontakt der Schüler untereinander findet hauptsächlich in solidarischen
und komplementären Lernsituationen statt. Relativ selten wurde die
Kategorie zeigen registriert. Auch die gegenseitige Hilfe wurde
nur selten beobachtet. Lediglich 3,4 % aller Dialoge bestanden darin, dass
ein Schüler einem anderen Schüler Hilfe leistete. Kein einziges
Mal konnte beobachtet werden, dass ein Kind mit sonderpädagogischem
Förderbedarf einem Grundschulkind Hilfe anbieten konnte. Alle registrierten
Hilfeleistungen gingen von den letzteren aus.
Große
Unterschiede zeigen sich auch darin, ob Kindern mit Behinderung eher mit
Schülern ohne Behinderung oder mit anderen Schülern mit Behinderung
in Kontakt treten. Während ein Teil der Schüler eher zu den Grundschulkindern
Kontakt hat, nehmen andere mehr Berührung mit Schülern der Förderklasse
auf. Die Schüler 1, 3 und 8 nehmen zu mehr als 70 % Kontakt zu nichtbehinderten
Schülern auf, während Schüler 4 und 5 dies nur in 6 bzw.
16 % der Fälle tun.
6. Diskussion und Interpretation
Die
vorgelegte Untersuchung bestätigt die Ergebnisse einer Studie von
Biewer (1989). Bei Biewer gingen Schülerinnen und Schüler mit
geistiger Behinderung während der Freiarbeitsphase zu 66,5 % einer
geordneten Arbeit nach. Im Vergleich dazu zeigen unsere Beobachtungen,
dass 73 % der Freiarbeitszeit zur geordneten Arbeit oder zur Arbeit
mit Hilfe genutzt werden.
Die
vorliegenden Resultate bestätigen, dass Schülerinnen und Schüler
mit sonderpädagogischem Förderbedarf mittels des methodischen
Zugangs "Freiarbeit" gefördert werden können. Es wird aber auch
deutlich, dass gerade diese Art des Unterrichtens heilpädagogische
Hilfen notwendig und möglich macht. Beispielsweise bedarf es der gezielten
Unterstützung, um die eher sporadisch selbstständige Arbeit einzelner
Kinder in eine selbstständige geordnete Arbeit weiter zu führen.
Weiterhin sollten andere didaktische Formen und die gezielte Einzelförderung
den methodischen Ansatz der Freiarbeit ergänzen.
Es
konnte nicht bestätigt werden, dass die gemeinsame Unterrichtung von
Kindern mit und ohne Behinderungen einen negativen Einfluss auf das Lernverhalten
der anderen Schülerinnen und Schüler hat. Zumindest zeigen die
Untersuchungsergebnisse, dass der Anteil von Störungen am gesamten
Verhalten während der Freiarbeit mit 0,7 % nahezu bedeutungslos ist.
Weiterhin
verdeutlichen die Untersuchungsergebnisse, dass sich die Sozialkontakte
der Förderklassenschüler nicht nur auf Kinder mit Behinderungen
beziehen, sondern auf alle Kinder in den Klassen. Es scheint, als ob die
Kinder mit Behinderung in den Klassenverband integriert sind und auch von
den anderen Schülern akzeptiert werden. Dies zeigt sich daran, dass
ablehnendes Verhalten gegenüber den Schülern mit Behinderung
zwar auftritt, aber Kontaktversuche häufiger zu einem Dialog führen.
Diese Annahme wird auch dadurch erhärtet, dass zeitweilig längere
gemeinsame Beschäftigungen bzw. gemeinsame Arbeiten stattfinden.
Eine
valide Beurteilung des Sozial- und des Arbeitsverhaltens im Rahmen der
Freiarbeit setzen eine Verhaltensbeobachtung über einen längeren
Zeitraum voraus. Punktuelle Beobachtungen sind aufgrund der starken Situationsabhängigkeit
des Verhaltens wenig aussagekräftig.
Sozialkontakte in ungebundenen Situationen (Pause, Freizeit)
Als Schwerpunkt der wissenschaftlichen Begleitung im Schuljahr 1999/2000 wurde am runden Tisch die Frage, wie sich die sozialen Kontakte zwischen den Schülerinnen und Schülern in ihrer Freizeit gestalten, vereinbart. Diesen Fragen wurde mittels einer systematischen Verhaltensbeobachtung im Pausehof und der Erstellung von Soziogrammen in den beiden Kooperationsklassen einschließlich der Förderklassenkinder nachgegangen.
1. Verhaltensbeobachtungen in der Pause
Zur
Klärung der Frage nach den Pausenkontakten wurde eine systematische,
offene und nicht-teilnehmende Verhaltensbeobachtung im Pausenhof durchgeführt.
Als Beobachter wurden wiederum wie bei der Untersuchung des Arbeits- und
Sozialverhaltens in der Freiarbeit Studierende der Universität Würzburg
eingesetzt, die durch ein Beobachtertraining auf ihre Aufgabe vorbereitet.
Als
Beobachtungsbogen wurde ebenfalls der bereits für die Untersuchung
zum Sozial- und Arbeitsverhalten in der Freiarbeit entwickelte verwendet.
Die
Untersuchung fand im Juli 2000 statt. Jedes Förderkind wurde an drei
Tagen während der Pausenzeit beobachtet. Jeder Beobachter konzentrierte
sich jeweils auf das Verhalten eines Kindes. Die Kodierungen wurden im
Ein-Minuten-Takt vorgenommen. Der/die Beobachter/in suchte dazu einen festen
Platz auf dem Pausehof. Notiert wurde nur, wenn der Beobachter das entsprechende
Aktionsfeld des Kindes einsehen konnte, ansonsten erfolgte keine Eintragung.
Die Sozialkontakte zu Lehrkräften wurden nicht erfasst, es sei denn
die Lehrkraft unterstützte oder verhinderte den Kontakt zu einem anderen
Kind. Als Dialog wurde nur signiert, wenn er sich über einen Zeitraum
von wenigstens einer halben Minute erstreckte. Die Kategorien "einseitiger
Kontakt", "zeigen", "kein Kontakt", "Konflikt" wurden auch signiert, wenn
sie nur kurz d.h. nur einmal innerhalb einer Minute auftraten!
2. Ergebnisse
Tabelle
4: Beobachtungen in der Pausensituation (Beobachtungseinheit = eine Minute)
| Kind | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | Summe | Verteilung der Hauptkategorien in % |
| Beobachtungen Gesamt | 33 | 48 | 44 | 21 | 47 | 46 | 239 | 100 |
| Dialog (gesamt) | 77 | 16 | 17 | 0 | 42 | 19 | 111 | |
| Dialog mit Förderklassenkind | 8 | 15 | 14 | 0 | 5 | 15 | 57 | 24 |
| Dialog mit Grundschulkind | 9 | 1 | 3 | 0 | 37 | 4 | 54 | 23 |
| Einseitiger Kontakt | 12 | 3 | 7 | 4 | 0 | 7 | 33 | 14 |
| Allein | 4 | 26 | 19 | 17 | 5 | 17 | 88 | 36 |
| Konflikt | 0 | 3 | 1 | 0 | 0 | 3 | 7 | 3 |
| Interventionen durch Lehrkraft (gesamt) | 0 | 1 | 2 | 0 | 2 | 3 | 8 | |
| Kontakt unterstützend | 0 | 0 | 1 | 0 | 2 | 1 | 4 | |
| Kontakt \ verhindernd | 0 | 1 | 1 | 0 | 0 | 2 | 4 |
Die
Förderkinder verbrachten 36 % ihrer Pausenzeit allein, einseitige
Versuche einen Kontakt aufzunehmen wurden zu 14 %, Konflikte nur sehr selten,
nämlich nur in 3 % der beobachteten Pausenzeit beobachtet. 47 % der
Pausenzeit suchten die Förderkinder einen Dialog und zwar zu etwa
gleichen Anteilen mit anderen Förderkindern und mit Grundschulkindern.
Dabei
fällt auf, dass sich die individuellen Verhaltensweisen im beobachteten
Zeitraum sehr unterschieden. Kind 4 verbrachte die Pausenzeit nahezu allein,
Kind 2 hatte fast keinen Kontakt zu anderen Grundschulkindern, während
Kind 5 fast immer mit Grundschulkindern im Gespräch war. Weiter ist
bemerkenswert, dass die Lehrkräfte im beobachteten Zeitraum nur sehr
selten Kontakte unterstützen oder Konflikte verhindern mussten.
3 Soziogramm
Nachdem das Sozialverhalten der Regel- und Förderklassenkinder mittels Verhaltensbeobachtung in einer ungebundenen schulischen Situation erfasst wurde, sollte zusätzlich noch mit der Methode des Soziogramms die Stellung der sechs Förderklassenkinder und ihre soziale Anerkennung innerhalb der beiden Klassen, in denen jeweils drei der Kinder mit Behinderung unterrichtet wurden, untersucht werden.
4. Methode
Die
Datengewinnung erfolgte, wie beim klassischen Soziogramm üblich, über
ein Fragebogenverfahren mit "Wer-wählt-wen-Fragen". Die einzelnen
Gruppenmitglieder drücken im Rahmen einer spezifischen Wahlsituation
ihre Sympathie und Antipathie aus. Die Fragen sollten dabei auf ein bestimmtes
Kriterium bezogen sein wie zum Beispiel Zusammensitzen oder Zusammenarbeiten.
In
der vorliegenden soziometrischen Untersuchung wurde die Freizeitsituation
Busfahren sowie das Kriterium des Zusammensitzens gewählt. Die Wahlmöglichkeiten
wurden zur Vereinfachung der Erhebung und Auswertung auf drei begrenzt.
Es wurde gleichzeitig nach positiven und negativen Präferenzen gefragt.
Das Einbeziehen negativer Wahlen stößt bei einigen Autoren aus
pädagogischen Gründen auf Kritik. Dem ist entgegenzuhalten, dass
es eben gerade Antipathien sind, die in einer Gruppe zu Spannung und Streitigkeiten
führen. Ohne negative Wahlmöglichkeit wäre der Aussagewert
eines Soziogramms deutlich gemindert. Aus diesen Vorüberlegungen ergab
sich folgender Fragebogen:
Die positiven und negativen Wahlen aller Schülerinnen und Schüler wurden in einer Soziomatrix für jeweils eine Klasse zusammengefasst. Das Wahlverhalten der Schüler lässt sich bezogen auf die Förderklassenkinder folgendermaßen beschreiben:
Klasse 1:
Die
drei Förderklassenkinder erhalten insgesamt fünf, zwei und drei
Wahlen. Ähnlich wenige Wahlen erhalten in der Klasse noch weitere
sechs Kinder. Zwei der Förderklassenkinder bekommen keine positiven
Wahlen und ein Förderklassenkind wird einmal positiv gewählt.
Keine
oder eine positive Wahl erhalten in der Klasse nur noch vier weitere Kinder.
Die drei Förderklassenkinder werden mit fünf, zwei und nochmals
zwei negativen Wahlen belegt. Neun andere Kinder aus der Klasse erhalten
keine oder nur eine negative Wahl. Fünf und mehr negative Wahlen bekommen
sechs weitere Kinder.
Die
Förderklassenkinder wählen sich folgendermaßen gegenseitig:
F1 lehnt F2 und F3 ab. F2 wählt F3 positiv. Damit erhält F3 zwei
seiner Wahlen von einem anderen Förderklassenkind und nur noch eine
von einem Kind aus der Regelklasse. F2 erhält eine Wahl von einem
anderen Förderklassenkind und somit ebenfalls nur noch eine von einem
Regelklassenkind. F1 wird zwar mit fünf Wahlen von Regelkindern belegt,
aber es handelt sich dabei ausschließlich um negative.
Kein
Förderklassenkind wird von einem Regelklassenkind positiv gewählt,
dagegen erhalten F1 fünf, F2 und F3 jeweils eine negative Wahl von
Regelklassenkindern (Tabelle 5).
Klasse 2:
Die
drei Förderklassenkinder erhalten zehn, acht und sieben negative Wahlen.
Sieben und mehr negative Wahlen werden nur noch zwei weiteren Kindern in
der Klasse zugedacht. Zwei der Förderklassenkinder werden jeweils
einmal positiv gewählt und ein Förderklassenkind kein einziges
Mal. So wenige positive Wahlen erhalten nur noch drei weitere Kinder in
der Klasse.
Die
Förderklassenkinder wählen sich gegenseitig folgendermaßen:
F3 lehnt F1 ab und wählt positiv F2. Damit erhält lediglich F1
eine positive Wahl von einem Regelklassenkind. F1 wird von neun, F2 von
acht und F3 von sieben Regelklassenkindern abgelehnt.
Betrachtet
man die Situation in Klasse 2, wo die Förderklassenkinder mit den
höchsten Ablehnungsraten versehen werden, ist festzustellen, dass
es noch zwei weitere Kinder in der Klasse gibt die ähnlich deutlich
abgelehnt werden und dass etwa die Hälfte der Regelklassenkinder die
Förderklassenkinder nicht ausdrücklich ablehnt. In Klasse 1,
in der sich Sympathie und Antipathie sehr gleichmäßig auf relativ
viele Kinder verteilen, steht der Großteil der Regelklassenkinder
den Förderklassenkindern nicht ablehnend gegenüber, ja es finden
sich sogar vier Kinder aus der Regelklasse, die noch eine deutlichere Ablehnung
als die drei Förderklassenkinder erfahren.
Tabelle
5: Soziomatrix der beiden Kooperationsklassen
| Klasse 1 Kinder | + | - | Gesamt | Klasse 2 Kinder | + | - | Gesamt |
| R1 | 1 | 10 | 2 | R1 | 2 | 7 | 9 |
| R2 | 2 | 0 | 2 | R2 | 2 | 0 | 2 |
| R3 | 0 | 5 | 5 | R3 | 1 | 0 | 1 |
| R4 | 6 | 0 | 6 | R4 | 6 | 0 | 6 |
| R5 | 2 | 5 | 7 | R5 | 7 | 1 | 8 |
| R6 | 2 | 6 | 8 | R6 | 6 | 0 | 6 |
| R7 | 9 | 1 | 10 | R7 | 4 | 0 | 4 |
| R8 | 7 | 2 | 9 | R8 | 1 | 5 | 6 |
| R9 | 0 | 0 | 0 | R9 | 2 | 9 | 11 |
| R10 | 4 | 7 | 11 | R10 | 2 | 6 | 8 |
| R11 | 2 | 1 | 3 | R11 | 6 | 1 | 7 |
| R12 | 0 | 0 | 0 | R12 | 1 | 0 | 1 |
| R13 | 4 | 1 | 5 | R13 | 6 | 0 | 6 |
| R14 | 7 | 0 | 7 | R14 | 2 | 0 | 2 |
| R15 | 2 | 4 | 6 | R15 | 4 | 3 | 7 |
| R16 | 6 | 7 | 13 | R16 | 5 | 2 | 7 |
| R17 | 2 | 7 | 9 | R17 | 2 | 0 | 2 |
| R18 | 3 | 4 | 7 | R18 | 2 | 1 | 3 |
| F1 | 0 | 5 | 5 | F1 | 1 | 10 | 11 |
| F2 | 0 | 2 | 2 | F2 | 1 | 8 | 9 |
| F3 | 1 | 2 | 3 | F3 | 0 | 7 | 7 |
(+ = positive Wahl = negative Wahl, R = Regelklassenkind, F = Förderklassenkind)
Die
Förderklassenkinder bilden in keiner der beiden Klassen eine feste
Untergruppe, da von ihnen keine gegenseitigen Wahlen abgegeben werden.
Sie verteilen ihre positiven Wahlen mit einer Ausnahme auf Regelklassenkinder.
Ähnliches gilt auch für die negativen Wahlen. Man könnte
mit aller Vorsicht daraus den Schluss ziehen, dass sich die Förderklassenkinder
selbst nicht als eine besondere Gruppe innerhalb der Klasse empfinden.
Sie scheinen keinen an ihrer Behinderung festzumachenden sozialen Druck
zu erleben, der einen Solidarisierungsprozess auslösen würde.
Das
vorliegende Ergebnis der soziometrischen Untersuchung könnte auf eine
durchaus gelungene Integration hinweisen, da das Merkmal Behinderung weder
zu besonderer Bevorzugung noch Ausgrenzung führt.
Allerdings
zählen die Förderklassenkinder mit noch anderen Kindern zusammen
zu der Gruppe der weniger beliebten in der Klasse.
Zusammenfassung
Obwohl
die Untersuchung der Sozialkontakte in einer gebundenen und in einer ungebundenen
Situation ein Jahr auseinanderliegen und aus diesem Grund nicht direkt
miteinander verglichen werden dürfen, könnte man die Hypothese
wagen, dass Zusammenarbeit und Dialog zwischen Regelklassen und Förderklassenkindern
in einer gebundenen Unterrichtssituation leichter herzustellen sind, als
in der eher ungebundenen Pausensituation. Es ließe sich darüber
hinaus vermuten, dass sich eine gelungene Integration von Förderklassenkinder
im Unterricht nicht selbstverständlich oder automatisch auf Freizeitsituationen
ausdehnt. Kinder ohne Behinderung akzeptieren Kinder mit Behinderung als
"Arbeitskollegen" in der gebundenen Situation des Unterrichtes, auf die
sie sich in dieser spezifischen Situation einstellen, sehen aber in ihnen
nicht zwangsläufig gleichwertige und interessante Partner, mit denen
sie auch noch ihre freie Zeit verbringen möchten.
Zwei
grundlegende Erkenntnisse könnten unserer Meinung nach aus den vorliegenden
Untersuchungsergebnissen gewonnen werden. Einmal weisen sie auf ein hohes
Maß an erreichter Normalisierung hin. Die Tatsache, dass Kinder oder
Erwachsene in der Schule oder am Arbeitsplatz auf einer partnerschaftlichen
Basis zusammenleben und zusammenarbeiten, sich jedoch für die Freizeit
andere Partner suchen, scheint uns ein allgemeines Phänomen zu sein,
das nicht spezifisch ist für das Verhältnis zwischen Menschen
mit und ohne Behinderung.
Zum
zweiten reichen Integrationsbemühungen, die sich auf die Bereiche
Schule und Beruf beziehen, allein nicht aus, sondern auch die Freizeit
muss noch stärker als eigenständiges Handlungsfeld erkannt werden,
in dem integrative Maßnahmen zu organisieren und durchzuführen
sind.
Literatur:
Breitenbach, E./Ebert, H., Straßmeier, W.: Das Arbeits- und Sozialverhalten von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in der Freiarbeit. Geistige Behinderung 40 ( 2001) 1, 46-58.
Breitenbach, E./Ebert, H./Straßmeier, W./Wimmer, M.: Vertiefte Kooperation. Das Modell der Fördereinheit in der Regelschule. Zeitschrift für Heilpädagogik 49 (1999) 12, 555-562.
Ebert, H./Lindlein, T.: Das Konzept des "ressource room" als Teil des US-amerikanischen "continuum of services". In: Behindertenpädagogik in Bayern 42 (1999), 80-84.
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| letzte Aktualisierung: 22.12.2002 |
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