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| James D. Watson und seine Ansichten zu Ethik und Menschen mit Behinderung |
Quelle: Weltwoche, Ausgabe Nr. 23/01, 7.6.2001
«Diese Heuchler, denen das Leben heilig ist»
James D. Watson, Entdecker der Doppelhelix, über die Grundlagen der Liebe, die falsche Moral der Religiösen und über den Einfluss seines geistig behinderten Sohnes
Interview: Ernst Peter Fischer und Lars Reichardt
Die Weltwoche: Ihr neues Buch wird "Genes, Girls
and Gamow" heissen. Warum die Mädchen, warum Gamow?
JAMES WATSON: Ich entdeckte die Struktur der Gene,
weil ich eine Freundin finden wollte. Das ist wahrscheinlich ganz normal.
Und George Gamow wollte den genetischen Code knacken.
Und haben Sie die Freundin gefunden?
In diesem Teil meiner Biografie jedenfalls noch
nicht. Der Herausgeber verlangte, dass ich den Schluss umschreibe. Am Ende
bin ich nun immer noch unglücklich.
Als Sie für die Entdeckung der Desoxyribonukleinsäure-Struktur
(DNS) den Nobelpreis bekamen, nannte Sie Ihr Vorbild Max Delbrück
den Einstein der Biologie.
Die Biologie ist anders als die Physik. Wir wissen
noch nicht einmal, was im Gehirn passiert, wenn wir uns eine Telefonnummer
merken. Dafür fehlen in der Hirnforschung die grossen Persönlichkeiten
Delbrück meinte, man könne keinen Wissenschaftler
richtig verstehen, ohne sein Geschlechtsleben zu kennen.
Bei Männern kreisen neunzig Prozent der Gedanken
um Sex, zehn um Arbeit, bei Sexbesessenen sind es sogar nur ein Prozent.
Wird Wissenschaft den Frauen zuliebe getrieben?
Warum kauft man ein altes Gemälde? Um Frauen
zu gefallen. Warum macht man Karriere? Um ein Mädchen zu kriegen.
Mein Buch fängt mit einer Zeit an, in der ich 25 war und mehr die
Mädchen als die Gene im Kopf hatte. Aber das Buch handelt auch von
Gamow.
Dem russischen Physiker, der als Meister des Schabernacks
galt.
Das war er. Und dazu ein genialer Wissenschaftler,
der von den Atomen zu den Genen sprang, der als Erster vom Urknall redete,
der aber zuletzt niemanden mehr hatte, der ihn beschützte.
Ihr erstes Buch «Die Doppelhelix»
über die Suche nach der DNS-Struktur ist immer noch ein Wissenschafts-Bestseller.
Verstehen Sie sich selbst als Schriftsteller?
Wahrscheinlich mehr als alles andere. Das nächste
Buch habe ich auch schon angefangen. Es wird unter anderem von Peter Pauling
handeln, dem Sohn von Linus, dem grossen Chemiker des 20. Jahrhunderts.
Peter und ich haben im gleichen Laboratorium gearbeitet, und wir waren
beide hinter Frauen her. Ich bin dabei nur unglücklich geworden, Peter
aber hat echte Probleme bekommen. Die Frauen mochten ihn zu sehr. Das Buch
wird auch um Regeln für Wissenschaftler gehen. Sogar um ethische Regeln.
Von allen Genetikern bin ich der Einzige, der dazu etwas sagt. Irgendjemand
muss das doch machen.
Was hat Ihrer Meinung nach Ethik mit Genetik zu
tun?
Wie soll man mit Ungleichheit umgehen und wie
mit den Unglücklichen, deren Gene kein sinnvolles Leben zulassen?
Was ist sinnvolles Leben?
Ich nenne ein Leben sinnvoll, von dem man eine Zukunft
erwarten kann
Ein Leben mit Chancen?
Ja, eine Chance darauf, einmal heiraten zu können,
einmal als gleichberechtigt akzeptiert zu werden, sobald man einen Raum
betritt. Hitler sagte, tötet alle, die diese Chance nicht besitzen.
Ich meine, sie sollten gar nicht erst geboren werden. Das ist der Unterschied.
Aber die Gesellschaft kommt damit nicht zurecht.
In Deutschland hat Ihr Ethik-Essay vor einem halben
Jahr tatsächlich für heftigen Widerspruch gesorgt.
Ich habe nicht mal gewusst, dass die FAZ ihn in
Deutschland nachgedruckt hat. Mein Freund Benno hat mir den Artikel nach
dem Erscheinen geschickt.
Niemand solle gezwungen werden, lautete Ihre umstrittenste
Aussage darin, ein missgebildetes Kind «zu lieben und zu unterstützen,
das nie eine Existenz haben kann, deren letztendliches Gelingen man antizipieren
und teilen kann.
Der Satz ist doch wahr. Wer von Frauen verlangt,
ein geistig behindertes Spastikerkind mit fürchterlichen Verkrampfungen
zu lieben, verlangt etwas Anormales von ihnen. Niemand kann einer Frau
vorschreiben, etwas zu lieben, das sie nicht liebt. Wir alle kennen doch
auch Menschen mit fortschreitendem Alzheimer, die wir nicht wiedererkennen.
Beinahe jeder wünscht sich ihren Tod, ob es nun der eigene Vater ist
oder jemand Fremdes. Aus wissenschaftlicher Sicht handelt es sich in solchen
Fällen um Nichtexistenz.
Und aus menschlicher Sicht?
Die Evolution hat uns nicht dazu gemacht, ein Baby
zu lieben, das einen nicht einmal anblicken kann. Wir sind dazu gemacht,
uns um Menschen zu kümmern, die eine Chance haben. Ohne diese Aussicht
denkt man nur an die Deformierung, obwohl man es lieben soll, als ob es
nicht deformier t wäre, und wird traurig. Natürlich kann man
ein stark missgebildetes Kind aufziehen und versuchen, es als menschliches
Wesen zu sehen, weil manche Leute alle Formen des Lebens für erhaltenswert
halten. Aber der Versuch bleibt zwanghaft und wird zur Qual.
Sie meinen...
Sehen Sie: Obwohl Hitler furchtbar war, stimmten
die Leute einem Teil seiner Ansichten zur perfekten Rasse zu. Die Mehrheit
hätte ihm beigepflichtet, dass keine Mutter unter einem Kind mit furchtbaren
Entwicklungsfehlern leiden soll, einem Kind etwa, dem die Haut abfällt.
Das habe ich in diesem Artikel ja nicht einmal erwähnt.
Und was soll das für uns heissen?
Francis Crick…
...mit dem Sie gemeinsam die Struktur der Gene
entdeckten...
...machte in seiner einzigen Ethik-Vorlesung im
Jahr 1968 zwei Vorschläge. Der eine lautete: Man sollte zwei Tage
bis nach der Geburt warten, bevor man etwas als Leben deklariert, also
ein Kind mit Zukunft. Ich wurde oft beschuldigt, das gesagt zu haben, aber
ich halte das wirklich für eine sehr gute Idee. Der zweite lautete,
keine öffentlichen Mittel für Menschen über achtzig zu verwenden.
Das sagte er im Alter von fünfzig, heute dürfte er anders darüber
denken.
Er meinte...
Man soll das Geld lieber für junge Menschen
ausgeben als für exzessiv lebensverlängernde Massnahmen bei Alzheimerpatienten.
Wer zum Pflegefall wird, sollte verfügen können, dass im Zweifels
fall keine Antibiotika oder lebensverlängernden Massnahmen eingesetzt
werden. Heutzutage wird man selbst dann noch am Leben erhalten, wenn man
nicht einmal mehr weiss, wo man ist. Schrecklich. Ich meine nur, man liebt
Menschen, weil sie menschlich sind, nur dann strömt die Liebe auf
natürliche Weise. Das wird doch durch die Tatsache belegt, dass Frauen
kein Kind mit Down-Syndrom wollen. Sie fühlen, dass sie es nicht wollen.
Natürlich erwidern ein paar Leute, dass sie Down-Kinder für wunderbar
halten und dass die Liebe trotzdem strömen kann. Ich glaube nur nicht,
dass sie es tatsächlich tut.
Wer sollte denn über eine Abtreibung wegen
starker genetischer Defekte mitreden dürfen: der Staat, die Kirche
oder nur die betroffene Mutter?
Natürlich nur die Mutter. Ebenso wie jeder
Einzelne darauf bestehen dürfen soll, gefüttert und am Leben
erhalten zu werden, wenn er eigentlich schon tot ist. Die persönliche
Entscheidung des Einzelnen halte ich für das einzig praktikable Verfahren.
Im Augenblick haben die Menschen diese Wahl nicht. Das ist das Thema, das
mich im Augenblick beschäftigt. Ich bin nicht besorgt um Babys, ich
denke an alte Menschen wie mich. Wir wollen nicht Opfer einer Philosophie
von Abtreibungsgegnern werden, die alles Leben für lebenswert hält
und uns leiden lässt. Genauso wenig, wie ich möchte, dass eine
Mutter leiden muss.
Väter haben da nichts zu melden?
Natürlich haben sie das. Aber die Ehe ist nicht
mehr so stabil, wie sie es früher einmal war. Väter neigen dazu,
sich aus dem Staub zu machen. Und Väter haben weniger Sinn für
Babys, solange diese noch nicht mit dem Sprechen begonnen haben. Männer
und Frauen sind nicht gleich, das ist alles, was ich zu sagen versuche.
Ich wünschte ja, sie wären gleich.
Einige meinen, das hätte kulturelle Gründe.
Ich denke, für die Liebe muss eine genetische
Basis existieren, und die ist Männern und Frauen verschieden. Grundsätzlich
lieben Männer Kinder wahrscheinlich um der Frauen willen. Die genetische
Entscheidung gleichberechtigt beiden Eltern zu überlassen, ist kein
praktikables System, weil wir meist den Vater nicht mal kennen.
Inzwischen lässt sich die Vaterschaft ja
genetisch über prüfen.
Aber die Menschheit hat sich zu einer Zeit entwickelt,
in der das nicht so offensichtlich war. Wir stehen erst am Anfang eines
neuen Jahrhunderts, in dem die Wissenschaft herauszufinden versucht, was
menschliches Verhalten ist und welche instinktiven Gefühle wir füreinander
hegen.
Wird dieses Verständnis denn nur von der
Genetik ermöglicht?
Vieles davon jedenfalls. Man könnte viel mehr
darüber durch die Erforschung der Hunde lernen, von denen wir viele
Rassen mit verschiedenen Verhaltensweisen gezüchtet haben. Diese Hunde
verhalten sich nicht so, weil ihre Mutter ihnen das so beigebracht hätte.
Und wir haben viele Verhaltensweisen mit den Hunden gemein. Wenn wir die
Gene suchen, die unser Verhalten steuern, sollten wir bei den Hunden anfangen.
Glauben Sie an die Existenz einzelner Gene für
einzelne Verhaltensmuster?
Ich weiss es nicht. Man wird noch die komplexesten
Zusammenhänge finden, von denen man bisher nicht die geringste Ahnung
hat.
Glauben Sie an einzelne Killergene?
Ich glaube, die menschliche Gesellschaft war erfolgreich,
weil wir dazu neigen, uns gegenseitig zu mögen und miteinander zu
arbeiten. Schimpansen sind soziale Kreaturen, Orang Utans sind es nicht.
Das hat eine genetische Grundlage. Und wenn es eine Anlage für normales
Verhalten gibt, wäre dies auch für besonders kaltblütige
Individuen denkbar, die keine Regung des Gewissens kennen. Es muss einen
Grund geben, warum sie auf das menschliche Antlitz nicht mit instinktivem
Wohlwoll en reagieren. Der einzige bisher bekannte Fall anscheinend genetisch
veranlagter Gewaltbereitschaft ist die berühmte holländische
Familie, über die schon so viel geschrieben wurde.
Die Familienmitglieder waren über Generationen
auffällig aggressiv. Ihr Verhalten wurde doch auch von Arbeitslosigkeit
und Eheproblemen beeinflusst.
Die meisten Menschen in ähnlicher Situation
reagieren nicht so aggressiv.
Die Gene verraten uns aber nicht, wie wir mit
den auf ihnen gespeicherten Informationen umgehen sollen.
Natürlich sagen uns die Gene nicht, wie wir
unser Leben führen sollen. Sie machen den Menschen aber zu einem sozialen
Geschöpf. Die zehn Gebote ergeben sich aus der menschlichen Natur.
Offensichtlich zahlt es sich nicht aus, seine Mutter um die Ecke zu bringen.
Also verbieten wir es. Solche Regeln bewirken, dass wir keinen Ärger
bekommen. Die Leute machen sich immer Sorgen darum, dass eine Gesellschaft
ohne stabile Regeln auseinander brechen könnte. Ich sehe diese Gefährdung
nicht. In Schweden gibt es heute sehr wenig Religion, und ich glaube nicht,
dass sich die Natur der Schweden sonderlich verändert hat.
Sie halten es nicht mit der Religion?
Niemand erwartet von der Genetik eine molekulare
Erklärung der Seele. Der normale Bürger macht sich keine Gedanken,
wie Moleküle das alles ermöglichen. Das Motto meiner Ausbildungsstätte
heisst zwar: Werde stark durch Wissen. Wir Biologen sollten der Gesellschaft
allerdings nicht zu weit voraus sein. Sonst kann sie womöglich nicht
mehr auf den Zug aufspringen.
An Menschenrechte glauben Sie auch nicht?
Nein. Ich glaube an menschliche Verantwortung und
Fähigkeiten. Das ist politisch natürlich ein sehr heikler Punkt.
Haben Sie meine Rede zum Unabhängigkeitstag gelesen?
Leider nein.
In meiner Rede sprach ich darüber, wie Thomas
Jefferson wohl heute, 250 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung,
die Menschenrechte definieren würde. Die organisierte Religion mochte
er überhaupt nicht; die Teilung von Kirche und Staat in Amerika geht
allein auf ihn zurück. Nun wusste Jefferson nichts von Evolution oder
DNS, aber er dachte dennoch, dass wir uns die Menschenrechte gegenseitig
verleihen; als die Menschheit entstand, gab es ja auch niemanden, der ihr
Vorschriften machte. Wir können sogar Hunden einige Rechte verleihen.
Daher ist es wohl sinnvoller, von Bedürfnissen, Fähigkeiten und
menschlicher Verantwortung zu sprechen statt von Menschenrechten.
Die Zivilisation braucht keine Menschenrechte?
Zu den grundsätzlichen Bedürfnissen zählt
auch, dass wir den anderen brauchen. Wir können nicht ganz allein
existieren, deswegen bringen wir keine Kinder um. Alle unsere westlichen
Gesetze entsprechen nur menschlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten.
Man kann vom Menschen aber nicht mehr verlangen, als er zu erfüllen
vermag. Ehebruch mit Gefängnis zu bestrafen wäre sinnlos. Aber
Eltern, die ihre Kinder verlassen, würden die Gesellschaft zerstören.
Viele Leute werden das natürlich nicht so sehen. Sie glauben ernsthaft,
unsere Verhaltensregeln stammten von Gott. Eine dieser Regeln lautet, das
Leben sei heilig. Deswegen soll man einfach alles lieben, ohne Rücksicht
auf die Wirklichkeit. Die alten Römer gaben verkrüppelte Kinder
auf. Wenn eine Mutter nur einen Zwilling tragen konnte, gab sie den zweiten
auf. War das böse? Nein, damals hatten Frauen keine andere Möglichkeit.
Wir haben heute andere Möglichkeiten.
Wir Männer sind viel eher bereit, Frauen eine
Bürde tragen zu lassen als sie selbst. Frauen wissen bei so einer
Debatte immer, dass sie selbst betroffen sein könnten, während
Männer weiter ihren Job machen. Wer sich gegen die menschliche Natur
stellt, ist scheinheilig. Natürlich hört es sich nicht sehr nett
an zu sagen: Ich wäre enttäuscht, ein Down-Kind zu bekommen.
Die Menschen sind es trotzdem. Nach der Geburt will keine Mutter vom Arzt
etwas anderes hören als: Ihr Kind ist gesund, es fehlt nichts, das
Gesicht ist symmetrisch.
Hübsch muss ein Baby auch sein?
Genetiker sprechen manchmal von auffälligen
Gesichtern, mit denen irgendetwas nicht stimmt. Das hört sich grausam
an, aber in ihrer Entwicklung ist meist auch im Inneren irgendetwas schief
gelaufen.
Wann wird die Gentherapie diesen Kindern denn
helfen können?
Die meisten Genkrankheiten werden wahrscheinlich
nie mit Gentherapie zu behandeln sein.
Den Optimismus von Craig Venter, der das Rennen
um die Entzifferung des Genoms gewann, teilen Sie also nicht?
Ich halte es in jedem Fall für völlig
unverantwortlich, von der Möglichkeit zu reden, ein Kind mit einem
schweren Genfehler nach seiner Geburt heilen zu können. Wir werden
noch viele Kinder mit neuen Mutationen auf die Welt kommen sehen, jeder
dritte Fall von Dystrophie ist eine neue Mutation. Deswegen bedeutet meine
Forderung, keine Frau sollte gezwungen werden, ein Kind mit einer genetischen
Krankheit zu bekommen, noch lange nicht den Verzicht auf die gesellschaftliche
Verantwortung, das Leben von kranken Kindern so angenehm wie möglich
zu gestalten. Nur: Je weniger kranke Kinder es gibt, desto mehr Zeit und
Anteilnahme haben wir auch für sie. Jede Gesellschaft hat nur beschränkte
Mittel für Aussenseiter.
Was heisst beschränkte Mittel?
Man kann einigen Behinderten mit einem motorisierten
Rollstuhl helfen, aber nicht zu vielen. Jedes Kind ohne Muskelschwund bedeutet
mehr Geld für eines mit. Ich mag kaltherzige Heuchler nicht, die nur
von Fürsorge reden und Dinge sagen, weil sie nett klingen, ohne jegliche
tiefe moralische Überzeugung. Ich kenne gerade einmal zwei engagierte
Gläubige, die ihr Geld wirklich in die Slums zu den Menschen bringen,
die ganz am Boden liegen. Und ich kenne viele Linke, die viel davon reden,
aber in Wahrheit nicht einmal den Zehnten ihres Geldes spenden. Und gegen
Genforschung sind sie ohnehin.
Um ehrlich zu sein: Der Protest gegen Sie wäre
mit Sicherheit milder ausgefallen, hätten Sie die Öffentlichkeit
einmal wissen lassen, dass Sie selbst Erfahrung als Vater eines ... dürfen
wir fortfahren?
Natürlich.
... Erfahrung als Vater eines geistig behinderten
Sohnes haben.
Ich möchte kein solches Etikett tragen, und
man kann wahrscheinlich auch mit normalen Kindern zur gleichen Auffassung
kommen wie ich. Es war nicht mein Sohn, der mich dazu gebracht hat, über
diese Fragen nachzudenken. Meine Freiheit ist allerdings in vielerlei Hinsicht
stark eingeschränkt. In gewisser Weise kann ich mich auch nicht zur
Ruhe se tzen, weil ich mich um meinen Sohn kümmern muss. Wäre
mein Sohn nicht krank, würde ich wahrscheinlich längst in London
leben.
Hat Sie die Entzifferung des Genoms beinahe fünfzig
Jahre nach Ihrer Entdeckung der DNS eigentlich glücklich gemacht?
Glücklich werde ich erst sein, wenn wir das
Wissen auch nutzen können. Solange wir Krebs und Geisteskrankheiten
nicht verstehen, ist unsere Arbeit nicht gemacht. Die Frage nach dem Klonen
interessiert mich übrigens ebenso wenig. Der erstgeborene Klon wird
keine Atomwaffe bedeuten, niemand wird umgebracht werden, die meisten Menschen-Klone
würden ohnehin krank geboren. Ich bin dagegen, solange wir nicht wissen,
wie man zumindest die Chance hat, gesunde Menschen zu produzieren. Man
braucht das Klonen auch nicht. Im Alter macht man sich eher um Alzheimer
Gedanken. Und da hat uns das Genom-Projekt enorm weitergebracht. Alzheimer
zu heilen, wäre wirklich ein enormer Triumph, der mich tatsächlich
glücklich machen würde. Und zwar auf längere Sicht. Ohne
Grund sollte man nicht glücklich sein. Das meine ich mit sinnvollem
Leben: die Erwartung, glücklich zu werden.
Sind Sie nie glücklich?
Nur manchmal, wenn ich Schokoladeneis esse. Und
dann nur für kurze Zeit. Manchmal auch beim Tennis.
Waren Sie wenigstens bei der Entdeckung der DNS
glücklich?
Ich dachte nur, jetzt finde ich endlich eine Freundin.
Und die Lösung kam schnell. Sie war leicht, und sie erklärte,
wie sich genetisches Material sauber kopiert. Die Struktur war so einfach.
Auch schön?
Natürlich. Die DNS ist schön. Etwas ist
schön, wenn man nur wenige Neuronen braucht, um es zu speichern. Ein
Gesicht von Picasso zeigt menschliche Züge, ohne viele Informationen
oder Details zu benötigen.
Ernst Peter Fischer ist Professor für
Wissenschaftsgeschichte an der Universität Konstanz
Lars Reichardt ist Redakteur beim SZ-Magazin.
Copyright: SZ-Magazin
| letzte Aktualisierung:3.11.2001 |
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