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| Behindertenwerkstätten im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung |
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Behindertenwerkstätten
Däumchen drehen, statt Schrauben
Von Lars Langenau
2003
ist das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderung. Das Motto: "Nichts
über uns ohne uns". Zumindest steht es so auf dem Papier. Aber auch nur
dort. In der Arbeitswelt müssen sie sich weiter gedulden.
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Jochens geistige Entwicklung ist irgendwann im Kindesalter stehen geblieben. Ohne fremde Hilfe könnte er sein Leben nicht organisieren. Er arbeitet bei den Winterhuder Werkstätten (WWB), eine Behindertenwerkstatt in Hamburg. Seine Aufgaben erledigt er mit höchster Konzentration. Wenn es denn Arbeit gibt.
Denn
im Europäischen
Jahr der Menschen mit Behinderung hat die konjunkturelle Talfahrt der
deutschen Wirtschaft nun auch die Behindertenwerkstätten mit voller Härte
getroffen. "Es gibt nichts Schlimmeres als Zeiten, in denen nicht gearbeitet
wird", klagt Wolfgang Pritsching, Geschäftsführer der WWB.
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Die Einrichtungen bieten manchen Arbeit, anderen Beschäftigung - doch immer mehr verkommen sie zu einer Art Aufbewahrungsanstalt: Die Aufträge bleiben einfach aus.
Dabei
verkündete der Behindertenbeauftragte
der Bundesregierung, der SPD-Mann Karl Herrmann Haack, vor drei Jahren
noch hoffnungsvoll, die Arbeitslosigkeit von Schwerstbehinderten drastisch
verringern zu können. Binnen zwei Jahren sollten 50.000 weitere Jobs für
Schwerbehinderte geschaffen werden.
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Die Unternehmen zahlen (trotz oftmals guter Erfahrungen) lieber bis zu mehreren hundert Euro im Monat eine so genannte Ausgleichabgabe, als Behinderte einzustellen, wie es in Firmen ab 20 Mitarbeitern eigentlich vorgeschrieben ist. Kommende Woche befasst sich nun in Hamburg ein regionaler Kongress mit der Verantwortung der Wirtschaft für die Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben.
Immer
häufiger "Mensch, ärger Dich nicht" spielen
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Jochens "wirtschaftlich verwertbare Arbeitsleistung", wie es im Behördendeutsch heißt, kann nicht mit den flinken Händen von voll arbeitsfähigen Menschen konkurrieren. Ursprünglich waren die Werkstätten für Menschen mit körperlichen Behinderungen gedacht, die durch Rehabilitationsmaßnahmen den Weg in den "normalen" Arbeitsprozess finden sollten.
Mittlerweile gibt es jedoch eine "explosionsartige Zunahme" von Menschen mit psychischen Erkrankungen, die auch in die Werkstätten drängen, registriert WWB-Chef Pritsching. Wie die Zusammenarbeit von depressiven Rechtsanwälten mit Menschen mit Down-Syndrom zukünftig zu organisieren ist, bleibt auch vielen Sozialpädagogen noch ein Rätsel.
Monatlicher
Verdienst von 160 Euro wird unterboten
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Veranschlagt die Werkstatt die Kosten zu hoch, drohen die Auftragsgeber immer häufiger damit, in Ostdeutschland oder gleich im benachbarten osteuropäischen Ausland ihre Produkte weiterverarbeiten zu lassen. Konkurrenz ist den Behindertenwerkstätten auch durch die mangelnde Auftragslage in den Haftanstalten erwachsen, sagt Werkstättenleiter Pritsching. Klassenkampf im schwierigen sozialen Gefüge.
Im Osten der Republik geht der Konkurrenzdruck in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit sogar schon in Sozialneid über. Warum haben die noch Arbeit und wir nicht, heißt es da schnell verständnislos. Argumente werden aufgefahren, die in jeder fremdenfeindlichen Tirade fallen könnten, wie Einrichtungsleiter aus Mecklenburg-Vorpommern bestätigen.
Veränderte
Anforderungen, weniger Aufträge
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Die Verpackungsindustrie steckt in Schwierigkeiten, die früher mit einfachen Arbeiten immer eine sichere Bank war. Gerade deshalb sind die Werkstätten oft nur noch zu 60 Prozent ausgelastet. So wird heute an manchen Tagen an den Werkbänken mehr Däumchen gedreht, als Schrauben.
Zwar ist derzeit in den Winterhuder Werkstätten der Großteil der 527 Behinderten noch immer mit Verpackungen oder in der Metallverarbeitung beschäftigt und montiert etwa Muttern auf Schrauben. Langsam orientiert sich die Werkstatt in Hamburg jedoch neu: Mittlerweile gibt es eine Zeltvermietung, eine mobile Fahrradwerkstatt und der Recyclingbereich zur Aufbereitung von Korken zu Dämmstoffen wurde ausgebaut. Zum Teil wurden auch unrentable Kantinen von Behören übernommen, die es unter normalen Marktbedingungen nicht geben würde. Andere Beschäftigte führen Aufsicht in Museen. Weitere sind in der Pflege von Friedhöfen eingesetzt oder sorgen (zu einem unschlagbar günstigen Preis) für Sauberkeit in städtischen Parks.
Die Werkstätten suchen sich neue Nischen, registriert auch Marion Möhle von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Behindertenwerkstätten in Frankfurt am Main. Da klassische Aufträge in der Herstellung zur Mangelware werden, würden die Betriebe immer häufiger auf Dienstleistungen ausweichen.
Jede Krise bietet eine neue Chance, heißt es. Vielleicht ist diese Verlagerung in die Dienstleistungen oder auch in die Landwirtschaft tatsächlich ein Königsweg. Denn therapeutisch scheinen diese Arbeiten wertvoller - als stumpfsinnig Tag aus Tag Muttern auf Schrauben zu drehen.
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| letzte Aktualisierung: 18.03.2006 |
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