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Quelle: Lohrer
Echo, 4. Juli 2001
Integrieren statt aussondern
– Ende der Sonderschulen?
Vortrag vom von Professor Dr. Wocken:
Förderschulen machen Kinder nicht intelligenter
Lohr. Sehr nüchterne, wissenschaftliche Fakten und provokante Thesen legte Professor Dr. Hans Wocken am Montag bei seinem Vortrag über den Wert von Förderschulen dar. Für ihn bringt die Zukunft den Abschied von den Sonderschulen, weil sie die Kinder nicht besser förderten als allgemeine Schulen.
Das sei durch wissenschaftliche Untersuchungen bewiesen – die geistigen Leistungen würden in den Förderschulen nicht steigen. Und auch ein Ausgleich sozialer Benachteiligungen könne eine Förderschule für sich nicht in Anspruch nehmen. Demzufolge fordert Wocken die Abschaffung der Sonderschule. Die allgemeinen Schulen sollen statt dessen so eingerichtet werden, dass sie auch für lernbehinderte Kinder entsprechen. Aus der angekündigten Frage "Was leistet die Förderschule?" machte der Referent schnell einen Abschied von der Förderschule.
Nach neuen Strukturen suchen
In Lohr begrüßt würde
der umstrittene Integrationspädagoge von Eckehard Auth, dem Vorsitzenden
der Lebenshilfe Lohr/Marktheidenfeld, der wie er in seiner Einführung
mitteilte, das derzeitige System kritisch hinterfragen möchte. "Die
jetzigen Förderschulen werden von vielen Eltern nicht mehr gut angenommen,
so dass wir nach neuen, mobilen Strukturen suchen", erklärte Auth.
Professor Dr. Wocken schilderte sich selbst
als ein potenziell benachteiligtes Kind. Er sei im Emsland als neuntes
Kind einer ländlichen Familie aufgewachsen und verdanke es seiner
Lehrerin, dass er im ersten Schuljahr nicht nur lesen und schreiben, sondern
auch die so fremde hochdeutsche Sprache gelernt habe. Später durfte
er das Gymnasium besuchen, um den anständigen Beruf des Volksschullehrers
zu erlernen. Da ihm die damaligen Klassenstärken von 50 Kindern zu
stressig wurden, trat er die Flucht in den Sonderschulbereich an, in dem
es heute wie damals kleinere Klassen gibt.
Seit 1980 habe er zusammen mit Schülern
und Eltern Integration gelernt. Wocken begleitete in Hamburg erstmals integrative
Klassen wissenschaftlich und studierte eine repräsentative Untersuchung
der Schulbehörde Hamburg von Fünftklässern an allgemeinen
Schulen. Diese Untersuchung stellte er dann auch an 513 Förderschülern
an allen 7. Klassen (um den zweijährigen Lernrückstand der lernbehinderten
Schüler zu berücksichtigen) der Hamburger Förderschulen
an. Im Vergleich standen Schulleistung, Intelligenz und soziale Indikatoren.
Grundsätzlich stellte sich Wocken
drei Fragen: Ist Lernbehinderung ein Intelligenzdefizit? Sind Lernbehinderte
sozial Benachteiligte? Leistet die Sonderschule eine Kompensation der Defizite?
Er kam zu dem Schluss, dass Lernbehinderung nur nachrangig ein Intelligenzdefizit
sei. Vielmehr seien Lernbehinderte zu 90 Prozent sozial benachteiligte
Kinder aus der Unterschicht, meinte Professor Wocken. Im Vergleich von
allen Schularten (Förderschulen, Haupt- und Realschulen und Gymnasien)
haben Förderschüler im Durchschnitt geringer gebildete Eltern,
am häufigsten arbeitslose Väter und den geringsten Besitzstatus.
Sehr häufig werde in der Familie der Kinder kein Deutsch gesprochen.
Öfter als andere Kinder leben sie in unvollständigen Familien
und müssen weniger Wohnraum mit mehr Geschwistern teilen. Fast 40
Prozent der Sonderschüler geben an, nicht einmal 10 Bücher (unbesehen
welcher Art) im Familienbesitz zu haben, sagt Wocken laut einer Studie.
Und nicht zuletzt zeichne den durchschnittlichen Sonderschüler ein
vierstündiger Fernsehkonsum an Wochentagen aus.
Bei all diesen sozialen Komponenten stehe
die Intelligenz eines Kindes an letzter Stelle der Indikationen für
eine Sonderschule.
Die Förderschule sei nicht dafür
verantwortlich, eine Schule der Armen und Benachteiligten zu sein, sie
könne aber auch den Lernrückstand der Kinder nicht aufholen,
meinte Wocken. Es gäbe nicht eine Studie, dass Förderschulen
im kognitiven/geistigen Bereich besser fördern als allgemeine Schulen.
Bei einem Rechtschreibtest von Hauptschülern und Sonderschülern
gleicher Intelligenz (laut IQ-Test) schneiden Sonderschüler schlechter
ab. Als Fazit dieser seiner Erkenntnis rät der ehemalige Sonderschullehrer
Wocken, endlich Abschied zu nehmen von der Illusion der Chancengleichheit
und der optionalen Förderung aller Kinder. Für ihn gilt das Primat
der Integration, das heißt, nur wenn die allgemeine Schule die Beschulung
des Kindes bei schwereren Behinderungen nicht leisten kann, haben Sonderschulen
ihre Berechtigung.
Wohnortnahe Grundschule für alle
Professor Wocken fordert eine wohnortnahe
Grundschule für alle Kinder, ohne daß schon vor Beginn der Schule
eine erste Aussonderung stattfindet. Um den speziellen Förderbedarf
einiger Kinder abzudecken, müsse dann jeder Klasse pro Tag eine Förderstunde
durch einen Sonderschullehrer zur Verfügung stehen. Außerdem
sollten den Kindern für vier Grundschuljahre ruhig zwei Wiederholjahre
zugestanden werden. Dies bedeute also die Auflösung der Grundstufe
der Förderschule.
Erst nach den Grundschuljahren, wenn sich
die Wege der Kinder sowieso in die verschiedenen Schulsparten trennen,
sollten auch die Kinder, die weder für Gymnasium noch für Haupt-
oder Realschule in Frage kommen, auf ihre Weise auf das Leben vorbereitet
werden.
Die niederschmetternde These, dass Förderschulen
die Kinder nicht besser fördern, sondern den benachteiligten Kindern
lediglich einen Schonraum mit kleineren Klassen bieten, lag nach dem Vortrag
in der Aula der Realschule unter den versammelten Sonderpädagogen
schwer in der Luft.
Ein Zuhörer meinte in der anschließenden
Diskussion, man dürfe nicht nur die kognitive Komponente sehen. Die
Kinder in Förderschulen lernten ja auch so wichtige Dinge wie den
angemessenen Umgang mit anderen Menschen, Benehmen, Ausdauer und Durchsetzungsvermögen.
Dazu meinte Professor Wocken: Integration ist oft hart und tut weh. Die
Eltern müssten vielleicht häufiger Tränen nach der Schule
trocknen. Doch es gehöre dazu, sich selbst, seine Fähigkeiten
und Kompetenzen einschätzen und akzeptieren zu lernen.
In diesem Punkt stimmte Harald Ebert vom
neuen Leo-Weismantel-Förderzentrum Karlstadt/Gemünden dem Referenten
überein. Wenn Kinder und Eltern in der Grundschulzeit unvoreingenommen
Erfahrungen mit der eigenen Leistungs- und Sozialkompetenz sammeln dürften,
könnten sie vielleicht leichter eine Akzeptanz für ihre Schulart
bekommen. "Bisher sagen wir den Eltern nur voraus, wie es kommen wird und
sie können es nicht glauben", sagte Ebert. Doch der Sonderschullehrer,
der ehemals in der St.-Nikolaus-Schule in Wombach unterrichtete, sieht
bei der ganzen Förderdiskussion nicht nur die lernbehinderten, sondern
auch die körper- und geistig behinderten Kinder.
Ebert möchte ein doppeltes System
von Anfang an. Integration von Kindern in Regelschulen mit ambulanter Betreuung
zur Aufarbeitung von Schwächen und Förderschulen für intensive
Betreuung. Der Ausbau der Förderzentren, die mit den Grundschulen
zusammenarbeiten, sei für Bayern derzeit der richtige Weg, meinte
Wocken. "Man muß jeden da abholen, wo er gerade steht", heißt
sein treuer Pädagogenspruch.
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| letzte Aktualisierung: 8.12.2001 |
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